Die Schlüssel für die Häuser konnten in einem kleinen Büro
in der Straße abgeholt werden. Ein Besucher betrat dann allein die Nr.14,
während der andere in die Haustür nebenan ging. Nach einer etwa
zehnminütigen Aufenthaltsdauer musste jeder Besucher seinen Schlüssel mit
dem des anderen Besuchers tauschen, so dass sich immer nur eine Person im
jeweiligen Gebäude aufhielt. In Zeitungsartikeln und persönlichen
Berichten zu Die Familie Schneider wurde immer wieder die
beklemmende Erfahrung geschildert, die sich bereits mit den ersten
Schritten ins Haus einstellte, beim Weg durch die kleine Küche und das
Wohnzimmer im Erdgeschoß, das fensterlose Schlafzimmer und bedrückend enge
Badezimmer im ersten Stock und den dunklen, muffigen Keller. Die
Entdeckung, nicht alleine zu sein, muss auf die Besucher wie ein Schock
gewirkt haben, denn augenblicklich war man sich nicht mehr ganz so sicher,
ob man wirklich den richtigen Ort besichtigte, oder doch aus Versehen in
ein fremdes, alptraumhaftes Leben eingedrungen war. Da waren auch diese
junge, depressive Frau, die mit starrem Blick ins Leere in
Gummihandschuhen abspülte, die schemenhafte Figur eines nackten Mannes,
der sich hinter einem transparenten Duschvorhang selbst befriedigte, der
mit einer schwarzen Plastikplane abgedeckte Körper, der neben dem Bett lag.
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LIEBESLAUBE HAUS ur, RHEYDT, 1996,
Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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Diese Erfahrung wurde wiederum durch das Déjà-vu-Erlebnis
gebrochen, wenn man im Nebenhaus auf dieselbe Szenerie stieß; dieselbe
abwaschende Frau, dieselben monotonen Bewegungen, dieselben Abdrücke auf
Kissen und Betten, dieselben abgestoßenen Kanten an den Möbeln, dieselben
Gerüche, dasselbe Atmen. Der verstörende Effekt, den Schneider mit dieser
Wiederholung auslöst, ist ebenfalls doppelter Natur. "Gezwungenermaßen
beobachtet der Besucher sich selbst", äußert er in der Publikation zu Die
Familie Schneider, "Er steht neben sich. Er läuft neben sich durch das
Haus." Zu den unterschwelligen Ekelgefühlen, die die unmittelbare
Berührung mit allen Formen von Körperlichkeit und Vergänglichkeit
auslösen, gesellt sich ein metaphysisches Grauen – die klaustrophobische
Erfahrung, dass man nicht nur in ein Haus, sondern in die eigene Existenz,
die eigenen Ängste und Abgründe eingeschlossen ist. Im Grunde genommen
handelt es sich hierbei nicht um eine Déjà-vu-Erfahrung. Schneiders Räume
bescheren dem Betrachter vielmehr das Gegenteil: ein Jamais-vu-Erlebnis,
bei dem eigentlich Vertrautes völlig fremd wirkt. Das Gefühl des
Ausgeliefertseins verstärkt sich wie in einem Horrorfilm - Schritt für
Schritt, mit der Entdeckung von Indizien, die die völlig banal sein
können, oder vielleicht auf schreckliche Geheimnisse hindeuten. Was
verbirgt sich in der Plastiktüte? Ist das ein Körper oder eine Puppe? Ist
hier die Tapete eingerissen, oder wurde sie von einem Messer
aufgeschlitzt? Hat die Frau auf mich gewartet? Ist das hier ein Kunstwerk
oder ein Komplott?
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DAS LETZTE LOCH, Haus ur Rheydt,
1996, Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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Erst jüngst wurde die zwischen 1995 und 1996 entstandene
7-teilige Serie Haus ur Rheydt für die Sammlung
Deutsche Bank angekauft. Es erstaunt nicht, dass Schneiders Aufnahmen
von unterschiedlichen Räumen des Gebäudes anmuten wie forensische
Fotografie. Die Räume erscheinen abgelichtet wie Tatorte, die man von
massenmedialen Bildern kennt: Verliese entführter Kinder, im Keller
ausgehobene Gräber, die Fluchttunnel von Ein- und Ausbrüchen. Jeder
fotografierten Situation hat Schneider einen ebenso lakonischen wie
doppeldeutigen Titel gegeben.
 RAUM
ur 20, Haus ur, Rheydt, 1996, Deutsche
Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Unter der an der Decke schwebenden Discokugel
des Puff aus Berlin könnte auch gefoltert werden. Das
heruntergezogene Rollo im Fenster des völlig leeren Raum 20
könnte eine Attrappe sein und das Zimmer hunderte von Metern unter dem
Erdboden liegen. Die Liebeslaube bietet sich ebenfalls für
ausgefallene Hausschlachtungen an. Das Erschreckende an diesen Bildern ist
die Banalität und Beiläufigkeit, mit der sich Schneiders hermetischer
Kosmos konstituiert, die minimalen Abweichungen von der "Normalität", die
ganz alltäglich erscheinende Situationen zum inneren und äußeren
Gefängnissen werden lassen. Im Kunstverein
Arnsberg sind nun erstmals seine Fotografien in einer
Einzelpräsentation zu erleben, die die zeitlichen und räumlichen
Verschiebungen zwischen "Original" und "Nachbau" sichtbar machen. Es ist
verblüffend, wie ähnlich sich die Treppenhäuser des Haus
ur in Rheydt und seines Nachbaus Totes Haus ur im Deutschen
Pavillon auf der Biennale in Venedig 2001 sind. Dennoch sind feine
Unterschiede sichtbar. Die minimal abweichende Breite der Stufen reicht
aus, um wiederum diese Wirkung zu erzeugen - dieses Oszillieren zwischen
Déjà-vu und Jamais-vu, das jedes Gefühl von Vertrautheit ins Abgründige
kippen lässt.
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