Zimmer ohne Ausweg: Gregor Schneiders
Fotoserie Haus ur
Zu den jüngsten Neuankäufen der
Sammlung Deutsche Bank gehört auch Gregor Schneiders Fotoserie
Haus ur. Mit seinen schalltoten Kammern, verdoppelten Zimmern und
hybriden Räumen stürzt der Künstler den Betrachter in klaustrophobische
Verwirrung und erweist sich damit als Poet des Bedrohlichen. Oliver
Koerner von Gustorf stellt Gregor Schneiders hermetische
Konstruktionen vor.
 Gregor
Schneiders Haus ur in Rheydt, 1985-1999, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
"Man kann mit einer Wohnung einen Menschen
genau so gut töten wie mit einer Axt" hat Heinrich
Zille einmal gesagt. Diese Feststellung bezog sich bei dem Berliner
Zeichner und Fotografen sicher auf die menschenunwürdigen Bedingungen in
den Hinterhöfen des Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Sie ließe
sich allerdings auch metaphorisch verstehen, wenn man an die
verschachtelten und klaustrophobischen Räume denkt, die Gregor
Schneider erschafft – wie sein Haus
Ur, an dem er seit 1985 in Rheydt,
einem eingemeindetem Ort im nordrhein-westfälischen Mönchengladbach baut.
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Puff aus Berlin, Haus ur Rheydt,
1996, Deutsche Bank Collectin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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Als er Mitte der achtziger Jahre das Einfamilienhaus seines
Vaters, gleich neben der elterlichen Bleigießerei übernahm, war er
sechzehn Jahre alt und der Gründerzeitbau ein perfektes Beispiel einer
typisch deutschen, gesichtslosen Architektur. Das Kürzel "ur" leitet sich
von der Adresse ab, Unterheydener Straße. Es könnte allerdings ebenso gut
für "umbauter" oder "unsichtbarer" Raum stehen – Schneider lässt das
offen. Inzwischen hat der Künstler sein Opus Magnum geradezu obsessiv aus-
und umgebaut, mit isolierten Zimmern und toten Gängen versehen. Er hat es
in Teile zerlegt, an Sammler verkauft und 2001 als Nachbau auf der Biennale
in Venedig komplett zugänglich gemacht. Das Haus mit all
seinen Klonen, Versatzstücken und Repliken wird bei Schneider zur
schalltoten Kammer, zur abgeschotteten Bühne, auf der sich die Ängste und
Phobien seiner Bewohner und Besucher manifestieren.
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LIEBESLAUBE HAUS ur, RHEYDT, 1996,
Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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"Gregor Schneider ist ein Poet des Bedrohlichen. Seine
Werke verleihen dem Wort 'Lebensgefahr' neue Bedeutung. Wenn Leute diesen
Begriff verwenden, dann meinen sie damit zumeist etwas, das das Leben in
Gefahr bringt. Doch bei Schneider könnte man es in einem anderen
Zusammenhang begreifen, denn sein Werk deutet an, dass das Leben selbst
eine Bedrohung ist, ein ominöses Unterfangen – dass das Leben nichts
anderes ist als ein verzweifelter Akt der Wiederholung, ein mehr oder
weniger unfreiwilliges Überlebensdrama, in dem gezwungenermaßen ein
Atemzug auf den anderen folgt", schrieb der britische Journalist und
Schriftsteller Andrew
O’Hagan im Begleitband zum Kunstprojekt Die
Familie Schneider.
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IM KERN HAUS ur, RHEYDT, 1996,
Deutsche Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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Mit diesem Projekt sorgte Gregor Schneider 2004 für eine
der abgründigsten Installationen der Gegenwartskunst. Der Schauplatz
seiner Arbeit waren zwei nebeneinander gelegene, eigentlich völlig
unauffällige Backsteinhäuser im Londoner East End. Das Innenleben hinter
den zugezogenen Gardinen von Nr. 14 und Nr. 16 war allerdings bis ins
kleinste Detail völlig identisch: die Räume, die abgenutzte Einrichtung,
der braune Teppichboden, die Risse in den Wänden, das gelbe Licht, die
benutzten Handtücher in den Badezimmern.
 IM
KERN HAUS ur, RHEYDT, 1996, Deutsche
Bank Collection, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
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