Befreiende Erfahrungen Rirkrit Tiravanijas Rezepte
für eine kommunikative Kunst
Seine Arbeiten lösen
die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, passivem Betrachten und aktiver
Beteiligung auf. Für den in Buenos Aires geborenen Künstler Rirkrit
Tiravanija besitzt der Entstehungsprozess eine ebenso wichtige Bedeutung
wie das vollendete Projekt. Ob er Galerien in Garküchen verwandelt oder
einen Supermarkt im Museum installiert – dem Träger des Hugo
Boss Preises 2004 geht es vor allem darum, Plattformen für
Kommunikation und gemeinschaftliche Erfahrungen zu schaffen. Angela
Rosenberg und Andreas Schlaegel stellen den Kunststar vor, der
gerade auch in der Ausstellungsreihe "Blind
Date – Neuerwerbungen aus der Sammlung Deutsche Bank"
vertreten ist.
 Ohne
Titel, 2002 Sammlung Deutsche
Bank, © Gavin Brown’s enterprise, New York
Die
Besucher waren enttäuscht. Sie hatten zumindest eine warme Suppe erwartet,
wenn nicht gleich ein ganzes thailändisches Menu. Denn in den Couvent
des Cordeliers, einer gotischen Halle aus dem 13. Jahrhundert, in der
einst der leblose Körper Marats
aufgebahrt worden war und das gerade als Interimsausstellungsraum für
das Musée
d'Art Moderne de la Ville de Paris fungierte, war unter dem Titel Une
Retrospective (tomorrow is another fine day) eine Ausstellung des
thailändischen Künstlers Rirkrit
Tiravanija angekündigt. Und der ist bekannt dafür, exzellente Suppen
zu kochen.

 Ohne
Titel (pad thai), Installationsansichten
Paula Allen Gallery, New York, 1990, Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
Das Kochen hatte
der Künstler, der 1961 in Buenos Aires geboren wurde, von seiner
Großmutter gelernt, die ein populäres Gartenrestaurant in Bangkok besaß.
In dessen Küche hat Tiravanija, wie er gerne erzählt, einen Großteil
seiner Kindheit verbracht. Mit neunzehn brach er nach Kanada auf, um in
Toronto Kunst zu studieren. Dann zog es ihn nach Chicago und von dort als
Whitney-Stipendiat ins hektische und zynisch betriebsame New York der
späten achtziger Jahre. Genau hier trat der Künstler in seiner ersten
Ausstellung im Projektraum der Paula Allen Gallery hinter einen Gaskocher
und bereitete für die Besucher ein thailändisches Nudelgericht zu – Pad
thai. Nicht wenige Besucher hielten die Suppenköche für das Catering und
suchten verwirrt nach der eigentlichen Ausstellung. Die Atmosphäre, die
sich beim fröhlichen Verzehr der Suppe in den leeren Galerieräumen
verbreitete, ließ Raum entstehen für ungezwungene Gespräche und
Begegnungen, für freie soziale Interaktion und Austausch.
 Tomorrow
is Another Fine Day, Installationsansicht
Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam, 2004 Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
In der Wärme
dieser Atmosphäre entstand der Keim eines Dialoges um räumliche
Intervention, Kunst und Aktivismus, der den unscheinbaren Suppenkoch zu
einem der einflussreichsten Künstler seiner Zeit machen und seine Kunst
bis in die heiligsten Hallen der Gegenwartskunst katapultieren würde – von
der Biennale in Venedig bis in
die wichtigsten Museen der Welt. Nicht weniger als drei bedeutende
europäische Museen taten sich zusammen, um dem Künstler in den Jahren 2004
und 2005 gemeinsam eine Retrospektive auszurichten: das Museum
Boijmans van Beuningen in Rotterdam, die Serpentine
Gallery in London und das Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris
(ARC).
|
Tomorrow is Another Fine Day, Installationsansicht
Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam, 2004 Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
Und dort gab es
eben keine Suppe und auch kein einziges materiell präsentes Werk.
Stattdessen wurde von den wichtigsten Ausstellungen Tiravanijas erzählt,
gefiltert durch die Erinnerung des Künstlers selbst, die seines
französischen Kollegen Philippe
Parreno und die des amerikanischen Science-Fiction-Autors Bruce
Sterling. Aus in den Räumen verteilten Lautsprechern beschallten ihre
von Schauspielern vorgetragenen Erinnerungen die Museumsbesucher. Zu sehen
waren lediglich aus Spanplatten gefertigte, lebensgroße Modelle der
Architekturen, in denen die jeweiligen Ausstellungen stattgefunden hatten.
In deren gespenstischer Leere blieb es dem Zuschauer überlassen, sich die
eigentlichen Kunstwerke selbst vorzustellen.
"Im Grunde schaffe ich
Modelle. Meine Arbeit ist ein Modell – man kann seine Struktur erkennen
und anderweitig anwenden, vielleicht ähnlich wie ein Kochrezept. Ich
stelle das Rezept her, man kann es übernehmen und nachkochen oder daraus
weitere Rezepte entwickeln. Es sind also Modelle, die ideal sein könnten,
doch man kann sie verändern, um sie dem Leben, dem Geschmack, den Wünschen
anzupassen", erzählt Tiravanija in einem Interview mit der Kuratorin
Dorothea Strauss für das Kunst Bulletin. Dass der Künstler
dies durchaus wörtlich verstanden wissen will, demonstrierte er 1996 mit
seiner Ausstellung Untitled ( Tomorrow is Another Day) im Kölnischen
Kunstverein.
 Ohne
Titel (Tomorrow is Another Day), Installationsansicht
Kölnischer Kunstverein, 1996 Courtesy
neugerriemschneider, Berlin
Dessen Räume
öffnete der Künstler für die gesamte Dauer der Aktion rund um die Uhr und
bot den Besuchern Zugang zu einem 1:1 Modell seines New Yorker Apartments.
Man konnte dort jederzeit ein Bad nehmen, etwas kochen, sich unterhalten
oder einfach nur herumhängen und fernsehen. Für den uneingeweihten
Besucher waren die ersten Momente, in denen er die Aufhebung der
vertrauten Grenzen zwischen Leben und Kunst realisierte, eine zunächst
verunsichernde, dann aber zunehmend lustvolle und befreiende Erfahrung.
|
Ohne Titel (Tomorrow is Another Day), Installationsansicht
Kölnischer Kunstverein, 1996 Courtesy neugerriemschneider,
Berlin
|
Schon nach kurzer Zeit gehörte man zu der Gemeinschaft von
Besuchern dieser virtuellen Privatwohnung und konnte erkennen, dass sich
die Erfahrung dieser Kunst nicht allein in einer kontemplativen
Betrachtung erschöpfte. Stattdessen war ein gemeinsames Engagement
notwendig, um die ungewöhnliche, utopische, beinahe revolutionäre
Situation zu aktivieren und als offene Plattform zu nutzen.
Gerade
durch die modellhafte Reduktion auf die Spanplattenkulisse und die
ausgesprochen unreglementierte, öffentliche Einladung initiierte der
Künstler neue soziale Beziehungen. Die Bereitschaft des Publikums, selbst
aktiv zu werden und seine Zeit in das Projekt zu investieren, machte Tomorrow
is Another Day zu einem ästhetisch-sozialen Ereignis. Erst im
Austausch wird die Arbeit aktiviert, die Bedeutung der ausgestellten
Gegenstände oder des Ausstellungsraumes fällt hinter den performativen
Aspekt zurück. Kein Wunder, dass in dieser Ausstellung Hochzeiten gefeiert
wurden. Denn indem der Künstler die Hierarchien zwischen Institution,
Kunstwerk, Publikum und Künstler durcheinander wirbelt, stellt er den
Betrachter in den Mittelpunkt, der in seinem Gegenüber verzückt das eigene
Spiegelbild erkennt, und zumindest einen Teil seines eigenen Potentials.
[1]
[2]
|