Sign O' The Times: Ein Rundgang über die 52. Biennale
in Venedig
"Think with the senses, feel with the
mind" ist das Motto der 52.Biennale in Venedig, die noch bis Ende November
zeigt, was die Kunst aktuell beschäftigt. Doch was bedeutet das eigentlich
genau – "Denke mit den Sinnen, fühle mit dem Verstand"? Und gibt es hier
bei der verwirrenden Vielfalt der internationalen Beiträge tatsächlich
neue Strömungen und Tendenzen zu entdecken. Tim Ackermann und Oliver
Koerner von Gustorf haben sich umgesehen.
 Isa
Genzken, OIL (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 Foto:
Jens Ziehe, Courtesy Deutscher Pavillon 2007
Isa
Genzkens Installation
Oil ist eine unsentimentale, harte Angelegenheit. In Zeiten, in
denen weltweit organisierte Konzerte versuchen, Bewusstsein für kommende
Klimakatastrophen zu wecken, in denen in Schwellenländern wie China die
Marktwirtschaft und der moderne Sklavenhandel boomt, in denen der Nahe
Osten einem Pulverfass gleicht, erschafft sie ein schillerndes, silbern
glänzendes Ambiente, in dem sich globale Desaster zu formalen Fragen
verdichten.
 Isa
Genzken, OIL (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 Foto:
Jan Bitter, Courtesy Deutscher Pavillon 2007
Die
reale Welt wird immer heißer, Genzkens Kunst immer kühler. Im Inneren des
eingerüsteten, mit orangefarbenen Bauplanen verhängten deutschen
Pavillons auf der diesjährigen Biennale in Venedig erwartet den
Besucher ein reduziertes Endzeitszenario. Durch eine verspiegelte Schleuse
gelangt man in die mit grauer PVC-Folie ausgelegten Ausstellungsräume. Und
stößt hier auf Skulpturengruppen, in denen Genzken unterschiedlichste
Trash- und Luxusmaterialien kombiniert hat: herrenlose, mit Tierbildern
beklebte Trolleys und Koffer; venezianische Masken, die metallische
Schädel verhüllen; Astronautenpuppen, die neben Galgenschlingen von der
Decke baumeln, oder auf dem Erdboden gestrandet sind; silbern besprühte
Monster und Baby-Mutationen, die wie Weltraum-Reisende in Designersesseln
hängen. Angesichts dieses Ambientes kommt einem Sign O' The Times
, in den Sinn, der Song, mit dem Prince
bereits in den Achtzigern den Wahnsinn unserer Zivilisation besungen hat:
"When a rocket ship explodes/ And everybody still wants 2 fly/ Some say a
man ain’t happy/ Unless a man truly dies..."
 Deutscher
Pavillon, Biennale in Venedig 2007 Foto:
Uwe Walter
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Dennoch ist Genzkens Beitrag alles andere als eine einfache
Allegorie auf bestehende Zustände. Auch wenn sich der Titel Oil
durchaus mit Krieg oder den ideologischen und ökonomischen Kämpfen um das
Öl verbinden lässt, geht es zunächst um einen Rohstoff, aus dem die
meisten Oberflächen der modernen Welt gemacht sind. Und aus diesen
Oberflächen kombiniert Genzken so etwas wie eine Matrix, ein visuelles
Konstrukt, das ganz unterschiedliche Reflexe beim Betrachter auslöst.
Bereits die orangefarbenen Maschennetze am eingerüsteten Pavillon erzeugen
ein flirrendes Raster aus Licht und Schatten, das die Details des Baus je
nach Perspektive verschwinden oder hervortreten lässt. Und auch im Inneren
taxiert Genzken das Zusammenspiel spiegelnder, matter und Licht
absorbierender Flächen genau aus. Die Empfindungen, die ihre Arbeit
auslösen, beruhen, auf dieser Kombination von Licht, Farbe und Raum. Die
miteinander verbundenen, verleimten oder verschraubten Dinge funktionieren
als bildhauerische Form, ohne festgeschriebene Bedeutung. Zugleich
"sprechen" sie durch die Assoziationen, mit denen sie die Künstlerin oder
der Betrachter aufladen. Das Ergebnis ist ultramodernes Kopfkino, bei dem
innere Bilder durch äußere Reize ausgelöst werden.
 AES+F
(Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich, Evgeny Svyatsky + Vladimir Fridkes),
Last Riot, 2007, videostill Courtesy
of the Multimedia Art Centre, Triumph Gallery
Genzken
trifft den Nerv der Zeit. Denn globale Phänomene wie Terrorangst,
Migration, die Virtualisierung der Realität spielen nicht nur in den
Länderpavillons eine Rolle, sondern ebenfalls in der vom US-Star-Kurator Robert
Storr zusammengestellten Schau im Arsenale.
Und dabei geht es häufig darum, den Kopf mit visuellen oder sensorischen
Reizen, statt mit Dokumentation oder theoretischen Diskursen zu erreichen.
So inszeniert die Moskauer Künstlergruppe AES
+ F mit ihrem Video-Tryptichon The Last Riot im russischen
Pavillon die letzten Tage der Menschheit wie ein Computerspiel. Zu den
Klängen von Wagners Walkürenritt sieht man, wie sich
Teenager aller Hautfarben auf verschneiten Berggipfeln gegenseitig mit
Samurai-Schwertern hinrichten, ein wüster Krieg, bei dem jeder gegen jeden
kämpft. Nichts erscheint hier mehr real, auch die Gewalt nicht. Die
Landschaft ist eine 3-D Animation, in der Elemente aus verschiedenen Games
miteinander verschmelzen und sich überlagern: asiatisch anmutende Städte,
Märchenburgen, Karussells. Panzer rollen die Berge hinauf, Cruise Missiles
steigen empor, Züge entgleisen, Flugzeuge stürzen vom Himmel. Die
virtuelle Welt, die im vergangenen 20. Jahrhundert wie ein Organismus aus
dem Reagenzglas geschaffen wurde, sei außer Kontrolle geraten, lassen die
Künstler wissen. Und nun verlasse sie ihre angestammten Begrenzungen,
absorbiere ihre menschlichen Schöpfer und mutiere zu etwas völlig Neuem.
Dass die Vision von AES+F aussieht wie die Hollywood-Version von Samuel
Huntingtons Kampf der Kulturen und die Ästhetik Caravaggios
dabei auf die heroischen Posen des Stalinismus trifft, schürt allerdings
altbekannte Ängste. Mit diesen Bildern im Hinterkopf könnte man auch ihre
jüngste Arbeit als neo-konservatives Machwerk betrachten, das den
drohenden Untergang des Abendlandes mit der provokanten Forderung nach
neuem Heldentum verbindet.
 Aernout
Mik, Mock Up, 2007, 4-channel
video installation, image from the set Foto:
Florian Braun, courtesy carlier | gebauer, Berlin
Gegen
diese polemische Gratwanderung erscheint die Videoinstallation Citizens
and Subjects: The Netherlands for example von Aernout Mik im niederländischen
Pavillon erheblich tiefgründiger. Eingebettet in eine loungeartige
Architektur zeigt Mik Filmszenen, die an Katastrophenschutzübungen,
Polizeitrainings, Razzien erinnern. Ausgehend von der Idee des Trainings
untersucht er die Arten von "Bedrohung", die wir meinen, aktiv in Angriff
nehmen zu müssen, um den in der Gesellschaft vorherrschenden Empfindungen
von Angst zu begegnen. Dabei überschneiden sich in diesen Aufnahmen
gestellte Szenen, bei denen Schauspieler und Statisten mitwirken, mit
realem Dokumentarmaterial. Wenn Demonstranten, Asylanten und Schutzkräfte
in einer Sequenz agieren, und man bemerkt, dass es sich in Wirklichkeit um
eine surreale Inszenierung handelt, ist man bereits den eigenen
Projektionen aufgesessen. Um welche Art von Krise es sich handelt, bleibt
völlig unklar. Trotz des Chaos und der Unvorhersehbarkeit der einzelnen
Situationen scheinen Polizei, Eingreiftruppen, Flüchtlinge und Opfer diese
Szenen mit verblüffender Routine zu bewältigen – als wollten sie sagen,
dieser Ausnahmezustand ist unsere neue "Normalität".
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