"Ich bin nicht grün sondern gierig" Phoebe
Washburn über ihr Projekt für das Deutsche Guggenheim
Für
ihre gigantischen Installationen recycelt Phoebe Washburn scheinbar
wertlose Materialien. Mit ihren organisch wuchernden Werken aus unzähligen
Pappkartons, alten Zeitungen oder Holzlatten überwindet sie die Grenzen
zwischen Installation, Architektur und Skulptur. Nun verwandelt die junge
Künstlerin das Deutsche Guggenheim in ein Environment zwischen Fabrik und
Gewächshaus. Ab dem 14. Juli ist ihre Auftragsarbeit Regulated
Fool's Milk Meadow dort zu sehen. Im Interview mit Achim Drucks
spricht die junge New Yorkerin über ihr spektakuläres Projekt für Berlin,
den amerikanischen Vorgartenkult und über Exkursionen auf den Schrottplatz.
 Phoebe
Washburns Atelier in Brooklyn, New York, während
der Entwicklung von "Regulated Fool's Milk Meadow", 2007 Foto:
David Heald © 2007 Phoebe
Washburn
Achim Drucks: Sie
lassen im Deutsche Guggenheim
das Gras wachsen. Es wird in einer großen Holzkonstruktion herangezüchtet,
per Fließband durch diesen Bau transportiert, um dann auf dem Dach zu
vertrocknen. Welche Idee steckt hinter dieser "Pflanzenfabrik"?
Phoebe
Washburn: Seit ein paar Jahren schöpfe ich sozusagen Systeme ab – wie
etwa das New Yorker Recycling-System. Nach einer Zeit wollte ich dann eine
Skulptur bzw. Installation schaffen, die als eigenes System funktioniert.
Die nicht nur eine statische Arbeit in einer Galerie ist, sondern sich
weiterentwickelt und etwas produziert – sogar ihren eigenen Abfall. Alles
sollte während des Aufbaus und dem Verlauf der Ausstellung in der Galerie
generiert werden und dort eine Art Mikrokosmos kreieren. So kam ich auf
das Konzept einer "Pflanzenfabrik". Es geht um ein ganz banales, harmloses
Produkt, das aber viel Spielraum für Interpretationen lässt.
 Phoebe
Washburns Atelier in Brooklyn, New York, während
der Entwicklung von "Regulated Fool's Milk Meadow", 2007 Foto:
David Heald © 2007 Phoebe
Washburn
Worauf spielt der kryptische
Titel Regulated Fool's Milk Meadow an?
Das sind lose
aneinandergefügte Wörter, die auf verschiedene Bedeutungen anspielen.
"Regulated" (geregelt) bezieht sich auf das Fließband, "Fool's Milk"
(Narrenmilch) auf den Begriff "fool's gold" (Katzengold)
und auch auf diese komische Fabrik. Sie erscheint mir wie ein riesiges,
mütterliches Ding, das Grasstücke zur Welt bringt – daher kommt wohl die
Assoziation zu Milch. Außerdem ist die Fabrik "närrisch", weil sie ihr
eigenes Produkt konsumiert. Sie ist eine Art Sackgasse. Dies ist aber
hoffentlich alles so vage, dass die Arbeit auch offen ist für andere
Interpretationen und der Betrachter davon nicht zu stark beeinflusst wird.
 Phoebe
Washburns Atelier in Brooklyn, New York, während
der Entwicklung von "Regulated Fool's Milk Meadow", 2007 Foto:
David Heald © 2007 Phoebe
Washburn
Die Arbeit für das Deutsche
Guggenheim thematisiert ja auch den Kreislauf von Werden und Vergehen.
Manchmal recyceln Sie auch Materialien, die Sie schon einmal für ältere
Arbeiten verwendet haben. Was interessiert Sie an solchen Kreisläufen?
Ich
versuche mich jedem Material unvoreingenommen zu nähern und bin zufrieden,
wenn ich merke, dass ich mit ihm klarkomme. Dass ich vorgefundene Dinge
wiederverwerte, prägt die Arbeit natürlich, und mich interessiert, auf
welche Weise diese Prägung geschieht. Es gefällt mir auch, die Probleme zu
lösen, die dadurch entstehen, dass ich das Material so nehmen muss wie es
nun mal ist. Irgendwann fing ich aus ganz praktischen Gründen an, frühere
Installationen zu zerlegen und die Einzelteile für neue Arbeiten zu
nutzen. Dabei fiel mir auf, dass sich in den so recycelten Materialien
schon Schichten von Informationen angelagert hatten, die sich dann in der
neuen Arbeit noch einmal verdichten.
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Phoebe Washburn "Manning
Stay Station" 2005, Installationsansicht,
American Academy of Arts and Letters, New York Courtesy
Zach Feuer Gallery
Hat das Projekt
auch einen spezifischen Bezug zu Berlin?
Zunächst nicht, denn
die Idee hatte ich schon, bevor ich ins Deutsche Guggenheim eingeladen
wurde. Als ich allerdings mit meinen Recherchen begann, stieß ich dann
doch auf Verbindungen. So gibt es in Deutschland diese Tradition grasgedeckter
Dächer. Während der Fußball-WM
informierte ich mich über verschiedene Rasensaaten
und stieß dabei auf viele Artikel über das Gras
in den Stadien. Es hat mich total überrascht, wie akribisch und mit
welchem Starrsinn dieses Thema behandelt wurde. Das war eine wirklich
ernste Sache!
 Phoebe
Washburn "It Makes For My
Billionaire Status" 2005, Installatinsansicht
Kantor/Feuer Gallery, Los Angeles Courtesy
Zach Feuer Gallery
Das war eben
typisch deutsch.
Ich bin auch sehr neugierig wie das Projekt in
Berlin aufgenommen werden wird. Denn ich empfinde es als sehr
amerikanisch. Bei uns gibt es diesen Kult
um den perfekten Rasen. Mein Auto, mein Haus, mein Vorgarten – damit kann
man in Amerika seinen sozialen Status am besten demonstrieren. Das sind
die Dinge, die den Leuten sofort ins Auge fallen. Es ist für mich sehr
interessant, wie dieser starke amerikanische Bezug in einer anderen Kultur
wahrgenommen wird. Für mich persönlich liegt eine gewisse Ironie darin,
dass ich in einem Viertel von New York lebe und arbeite, in dem es so gut
wie kein Grün gibt. Ich denke aber, meine ziemlich offensichtliche
Verallgemeinerung der amerikanischen Vorgartenkultur trägt einen Kern
Wahrheit in sich.
 Phoebe
Washburns Atelier in Brooklyn, New York, während
der Entwicklung von "Regulated Fool's Milk Meadow", 2007 Foto:
David Heald © 2007 Phoebe
Washburn
Wie wichtig ist Ihnen die
Interaktion mit dem Raum?
Der Raum prägt das Projekt in den
Ausmaßen, der Form und manchmal auch konzeptuell. Ich baue das Meiste vor
Ort und deshalb wird die Installation von unzähligen Faktoren bestimmt.
Die Planung halte ich möglichst offen, um während des Aufbaus auf
unerwartete Gegebenheiten reagieren zu können. Das sind die "blinden
Flecken" des Projekts. Das Fließband schien mir sehr gut zu dem lang
gestreckten Raum des Deutsche Guggenheim zu passen. Ich hoffe, dass sich
die Besucher sozusagen gemeinsam mit den Rasenstücken durch diesen Raum
bewegen.
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Phoebe Washburn Ohne
Titel, 2004 Installationsansicht,
Bronx Museum, New York, Courtesy
Zach Feuer Gallery
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