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Der Schamane und der exzentrische Faun


Gelungene Melange aus Vaseline und Fett – als zweite Station präsentiert die Peggy Guggenheim Collection in Venedig All in the Present Must be Transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys. Wie schon zuvor in Berlin enthüllt die Inszenierung in der Lagunenstadt erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Künstlern – und doch wirkt die Schau grundlegend verändert. In der intimen Architektur des Palazzo Venier dei Leoni kann der Besucher völlig in den bizarren Kosmos der Apparaturen eintauchen. Maria Morais besuchte die Ausstellung in Venedig.



Joseph Beuys
Installationsansicht Peggy Guggenheim Collection
Honigpumpe am Arbeitsplatz, 1977
Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek, Denmark
Foto: Edoardo Osculati
©Joseph Beuys by SIAE 2007


Matthew Barney in Flip-Flops? So etwas gibt es nur auf der Biennale in Venedig zu sehen, wo sich alle zwei Jahre die großen Kunststars ganz entspannt zwischen das internationale Galeristen- und Kuratoren-Jetset mischen. Besonders glamourös war in diesem Jahr die Auftaktparty zu allen Biennale-Feierlichkeiten: Auf der Dachterrasse ihres Palazzos am Canal Grande lud die Peggy Guggenheim Collection zum Empfang, um auf die Eröffnung von All in the Present Must be Transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys anzustoßen. Die prächtige Kulisse der anderen Palazzi funkelte in den Wassern des Kanals und der Star des Abends mischte sich in seinen Flip-Flops unauffällig unter die Gäste: Matthew Barney – ganz privat und ganz und gar nicht der schillernde Exzentriker, als der er mit seinem Cremaster Cycle berühmt wurde.



Matthew Barney
Chrysler Imperial, 2002 (Ausschnitt)
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Installationsansicht Peggy Guggenheim Collection
Foto: Edoardo Osculati
©2007 Matthew Barney


Bereits bei ihrer ersten Station im Deutsche Guggenheim in Berlin sorgte die Schau mit ihrer Gegenüberstellung der Werke von Matthew Barney und Joseph Beuys für Überraschung. Noch nie zuvor hatte sich ein lebender Künstler in einen derartig intensiven Dialog mit Beuys begeben. Und dennoch – trotz der gewagten Kombination aus "Heiler und heillosem Hedonisten" (Die Welt) ging das experimentelle Konzept der von Nancy Spector kuratierten Schau auf. Bei genauer Betrachtung zeigten sich auf geradezu frappierende Weise bisher unerkannt gebliebene Gemeinsamkeiten zwischen dem politischen Visionär aus Deutschland und dem amerikanischen Kunststar. Der performative Charakter ihrer Arbeiten und ihr kompromissloser Körpereinsatz etwa. Die finden sich in Barneys erster Installation Field Dressing (1989-90), in der er sich an seiner eigenen Skulptur abarbeitet und den Leistungswahn des Extremsports aufs Korn nimmt, genauso wie in Beuys Aktion Coyote; I like America and America likes me. Drei Tage und drei Nächte hatte sich Beuys hierfür 1974 in der New Yorker Galerie René Block mit einem Kojoten in einen Käfig gesperrt, was ihm endgültig seine Aura als Kunstschamane verlieh.


Joseph Beuys, 1979
Foto: Mary Donlon
©The Solomon R. Guggenheim Foundation, New York


Weitere Parallelen zwischen Beuys und Barney, die in der Deutsche Guggenheim sichtbar wurden, umfassen den mythologischen Überbau ihrer Werke und Aktionen und reichen bis zur Verwendung ähnlicher Materialien – plakativ gesagt: Fett bei dem einen und Vaseline bei dem anderen.


Matthew Barney, 2003
Solomon R. Guggenheim Museum, New York, 2003
Foto: David Heald,
©Solomon R. Guggenheim Foundation, New York


In Venedig galt es nun, die Arbeiten in den historischen Räumen des Palazzo Venier dei Leoni ebenso schlüssig miteinander in Beziehung zu setzen wie in der weitläufigen Halle des Berliner Deutsche Guggenheim. Bis die berühmte und schillernde Stifterin des venezianischen Museums, Peggy Guggenheim, im Jahr 1979 starb, diente der 1948 erworbene Palast der Hausherrin als Wohnung und zugleich als Heimstätte für ihre hochkarätige Sammlung moderner Kunst. In den unterschiedlich großen, aber stets sehr intimen Räumen finden für gewöhnlich die Meisterwerke der Sammlung von Dali, Picasso, Duchamp, Kandinsky oder etwa Mondrian einen idealen Rahmen. Wie aber vertragen sich die sperrigen Skulpturen, Videoinstallationen und Zeichnungen von Beuys und Barney mit der Atmosphäre venezianischer Wohnkultur?



Joseph Beuys
Gefleckte Frösche, 1958
Foto: David Heald,
©Solomon R. Guggenheim Foundation, New York
©©2006 Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn


Die kuratorische Gegenüberstellung in den mit rosa Terrazzoböden ausgestatteten Sälen, den Korridoren und in den kleineren Kabinetten, gelingt – aber sie gelingt anders als in der Berliner Präsentation. Besonders bei den Zeichnungen ist dies erkennbar. Sie hängen aneinandergereiht an beiden Seiten der schmalen Flure des Palazzos, an denen sich die übrigen Räume beidseitig angliedern. Man denkt an die gewaltige Wirbelsäule eines urzeitlichen Wesens, in dem die Zeichnungen quasi das Rückenmark, die Essenz widerspiegeln, der die Ausstellung ihre Idee verdankt. Hier zeigt sich, wie nahe sich die beiden Künstler stehen. Beide nutzen die Zeichnung ausgiebig für Vor- und Detailstudien zu Skulpturen und Installationen und beide erweisen sich als Meister der zarten Linienführung, die immer wieder von Farbschlieren und Collage-Elementen durchbrochen wird. Formale Ähnlichkeiten zwischen ihren enigmatischen Arbeiten lassen sich auch an der Kombination von Bild- und Textanleitungen in Beuys’ Warmth Time Machine (1972) oder The E-Plan for the W-Man (1974) und Barneys feinen, minutiösen Zeichnungen der Chrysler Suite (2002) ablesen. Daneben fällt auch die Verwendung organischer "Farben" wie Blut oder oxidiertes Eisen auf, mit denen etwa Beuys’ Hasenblut (1962) und Barneys De Lama Lamina: Orixa de Ferro (2005) mystische Kräfte beschwören.



Matthew Barney
Chrysler Imperial, 2002 (Ausschnitt)
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Installationsansicht Deutsche Guggenheim Berlin
Foto: Edoardo Osculati
©2007 Matthew Barney


Auch die Skulpturen in den Sälen wirken im Vergleich zur Berliner Schau eindringlicher. Die räumlich bedingte Nähe zu den großformatigen Objekten erzeugt eine Intimität, die es dem Betrachter leicht macht, in den Kosmos der komplizierten Apparaturen und Maschinen einzutauchen. Beide Künstler destillieren in ihren Installationen die von Mythen und surrealen Bildern durchtränkten Performances zu Formen, die als Sinnbilder im Raum fortschreiben, was in der zeitlichen Dimension der Aktion oder des Films untersucht wird. In Barneys Chrysler Imperial (2002) zeigt sich dies ganz deutlich: Die sich über mehrere Räume erstreckende Arbeit symbolisiert Sequenzen aus dem letzten Teil seines Cremaster-Cycles. Dort findet in der Eingangslobby des Chrysler Buildings ein als Demolition-Derby inszeniertes Autorennen statt. Bei den fünf Komponenten der im Palazzo dei Leoni gezeigten Skulpturen-Installation handelt es sich um Abstraktionen der beim Crashrennen demolierten Autos. Jede einzelne Komponente enthält dabei verschlüsselte Hinweise und Symbole auf eine der fünf Cremaster-Episoden und macht Chrysler Imperial damit zur verkürzten Version des Zyklus’.


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