"Cooler Hardcore-Glamour" Die Presse über
Isa Genzken im Deutschen Pavillon
Die Biennale
in Venedig gilt als eines der bedeutendsten internationalen Foren der
zeitgenössischen Kunst. Für den Deutschen Pavillon, der dieses Jahr
erstmals von der Deutschen
Bank als Hauptsponsor gefördert wird, hat Isa Genzken ihr Projekt Oil
realisiert. Die Künstlerin hat das historische Gebäude verhüllt und im
Inneren Assemblagen aus knallbunten Rollkoffern, transparenten
Kunststoffmöbeln, Kalenderbildern, schwebenden Astronauten, Galgenstricken
oder Plastikspielzeug installiert. Die internationalen Kritiker reagierten
ganz unterschiedlich auf das anspielungsreiche Gesamtkunstwerk – für die
einen ist der Deutsche Pavillon ein Highlight der Schau, andere finden ihn
einfach nur furchtbar.
 Isa
Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jan Bitter
Eine
wahre Hymne auf Isa
Genzkens Arbeit hat Benno Schirrmeister von der taz
verfasst. Für ihn ist Oil schlichtweg "atemberaubend" und er
fragt sich nach seinem Besuch im Deutschen
Pavillon: "Wozu noch etwas anderes anschauen, wenn man das Beste schon
gesehen hat?" Das orange Plastiknetz, mit dem die Künstlerin das Gebäude
umhüllt hat, signalisiere: "Hier wird gebaut, umgestaltet, und zwar
massiv. Ein Versprechen, das Oil in jeder Hinsicht einlöst: Genzken
(…) hat den Pavillon (…) als kolossalformatige Skulptur aufgefasst. Dafür
respektiert sie gerade noch so eben seine Innenwände und Räume als Rahmen:
Diese werden zur Freiflugfläche für Auge und Gedanken: zum Heulen schön.
Wer dieses Kunstwerk betritt, sich seinen Assoziationen und Farbspielen
überlässt und seine Details erwandert, der verlässt es in jedem Fall
verändert."
 Isa
Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jan Bitter
Auch
Elke Buhr von der Frankfurter Rundschau
empfindet die Verhüllung des Baus als "klugen Schachzug, um die Stein
gewordene Zumutung des massiven neoklassizistischen Baus zurückzuweisen."
Und auch im Innen "bekommt Genzken mit ihrer Sensibilität für Materialien
und Formen den nicht ganz einfachen Pavillonraum mühelos in den Griff."
"Sie hat dem Ganzen den Titel Oil gegeben, den Namen des
Stoffes, der die globalisierte Welt zusammenhält und gleichzeitig zu
sprengen droht. Wer nach einer klaren These dazu sucht, wird zwar
enttäuscht werden – so funktioniert die ästhetische Welt der Isa Genzken
nicht. Dies ist kein Paukenschlag. Aber eine eigensinnige, in ihrer
Rätselhaftigkeit stimmige Inszenierung." Für Ute Baier von der Welt
hat Genzken eine "verwunschene Spiegelwelt" geschaffen. "Doch viel mehr
als Beschreibungen und Assoziationen (…) lassen die Installationen nicht
zu. Hinter der grell-bunten oder mit Silberfarbe besprühten Oberfläche der
Kunst lauern – je nach Temperament und Fantasie des Betrachters – amüsante
Belanglosigkeit oder tiefsinnige Berührtheit. Das ist mehr, als die
meisten Kunstwerke versprechen und einlösen können."
 Isa
Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jens Ziehe
Vor
allem Genzkens Assemblagen sorgen für Kontroversen. Geert van der Speeten
vom Brüsseler Standaard
erscheinen sie wie "Star Wars in Plastik, bei denen karnevalistische
Spielzeugfiguren die Hauptrollen spielen", Laura Cumming vom britischen Observer
spricht von "Plattheiten", einer "Art Disco-Apokalypse (…), die allerdings
mehr wie ein Themenpark für alten Plunder wirkt." Ingo Arend vom Freitag
dagegen lobt ihren "coolen Hardcore-Glamour". Für ihn verdichten sich
Genzkens Arrangements "zum Bild einer Endzeitvision, die eisige Beklemmung
hinterließ". Auch Ulf Poschardt von der deutschen Vanity
Fair ist beeindruckt von der "beklemmenden Wirkung" der Installation.
Der Lifestyle-Spezialist hat aber auch den Hipness-Faktor im Visier: "Die
schönste Tragetasche ist die vom Deutschen Pavillon: Der Strick für den
Gehenkten vor weißem Hintergrund samt Plastiktierchen ist das Accessoire
der Stunde in Venedig."
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Isa Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jan Bitter
Eher
kunsthistorisch geprägt ist der Blick von Stephen Maine für Art
in America: "Das Gespenst des deutschen Dada hing in der Luft. (…) Mit
dieser eindringlichen, grausamen Arbeit nimmt Genzken einen herausragenden
Platz unter den Assemblage-Künstlern ein, die sich mit dem Zeitgeist
auseinandersetzen." Walter Robinson von artnet
erscheint allerdings angesichts der Totenköpfe, Karnevalsmasken und
Schaufensterpuppen in Astronautenanzügen eher ratlos. "All diese Figuren
versuchen uns etwas zu sagen… vielleicht, dass der Surrealismus zurück
ist?" Er empfindet sowohl die Arbeit als auch die Künstlerin als
"verwirrt". Genzkens "Alpträume von makaberer Schönheit" (Linde
Rohr-Bongard für den Kunstkompass von Capital)
sind für Michael Kimmelmann (New
York Times) einfach nur "entsetzlich".
 Isa
Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jan Bitter
Andreas
Schlaegel (Flash Art) führt
der Pavillon hingegen in "eine Welt, die auseinander fällt. Sie kann die
Dinge nicht mehr einbinden, denn alle Auffassungen von Struktur und
Ordnung sind mittlerweile überholt." Holger Liebs spricht in der Süddeutschen
Zeitung von "einem metallisch glänzenden Trip in einen kalten Tod,
schillernd zwischen Billigmarkt-Flair, Science-Fiction und militärischer
Strenge." Sein Fazit: "Ein gewagtes, vielleicht zu gewagtes Unternehmen
ist diese Vision einer schreiendbunten, verspiegelten Kälte, ein
Zerfließen des Skulpturbegriffs in allerkleinste Bestandteile, allzu
detailverliebt freilich auch."
 Isa
Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jens Ziehe
Tim
Ackermann, der die Biennale für die Welt
am Sonntag bespricht, begegnet im Deutschen Pavillon "erstaunlich
rätselhaften Werken", deren "Interpretationsoffenheit" ihn besonders
fasziniert. Gerade daran stört sich Tobias Timm in der Zeit.
"Unter dem Titel Oil macht Genzken so viele verschiedene
Assoziationsräume gleichzeitig auf (…), dass man sich fragt, ob da jemand
Angst hatte. Angst vor der Bedeutungslosigkeit und der fehlenden
Überzeugungskraft der eigenen Kunst." Peter Richter beklagt in der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung, dass gerade die Vieldeutigkeit der Arbeit
oft bemängelt wird. "Wer immer das alles zu uneingängig findet und nach
einem 'roten Faden' verlangt wie nach einer Aufreißlasche – der muss bitte
erst mal erklären, warum er dann bei Schlingensief,
Meese oder John
Bock auch ganz gut ohne auskommt." Isa Genzken selbst drückt das in
einem Interview mit Spiegel online so
aus: "Ich setze dem Betrachter doch Kunst vor und keinen Kuchen mitsamt
Rezept." Achim Drucks
 Isa
Genzken, "OIL" (Detailansicht), Deutscher
Pavillon, Venedig Biennale, 2007 verschiedene
Materialien, Courtesy Deutscher
Pavillon 2007, Foto: Jan Bitter
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