Harriet verzweifelt gesucht Die US-Künstlerin
Patricia Cronin auf den Spuren einer vergessenen Bildhauerin
Mit
ihrer Skulptur Memorial to a Marriage sorgte Patricia Cronin für
großes Aufsehen. Das nackte Frauenpaar aus weißem Marmor installierte sie
mitten im New Yorker Woodlawn Friedhof. Auf ihrem zukünftigen Grab, das
sie mit ihrer Freundin teilen wird. Gerade ist die Künstlerin Stipendiatin
an der American Academy in Rom. Hier erforscht sie das Werk einer
skandalumwitterten Bildhauerin des 19. Jahrhunderts. Ein Projekt, das auch
von der New York Foundation for the Arts unterstützt wird, die ihr das
Deutsche Bank Fellowship 2007 zugesprochen hat.
 Patricia
Cronin Memorial to a Marriage Woodlawn
Friedhof Foto: Lee Sandstead
Während
sich George
W. Bush bei seiner Rom-Visite mit Ministerpräsident Romano
Prodi und Oppositionschef Silvio
Berlusconi traf, absolvierte seine Gattin Laura
ihr Kulturprogramm. Sie besichtigte den Quirinalspalast,
erkundete die Nekropolen
unter dem Petersdom und
stattete der American Academy
einen Besuch ab. Dort widmete sich die First Lady auch der Ausstellung von Patricia
Cronin. Ihre monochromen Aquarelle zeigen Skulpturen von Harriet
Hosmer, einer amerikanischen Bildhauerin, die dreißig Jahre in Rom
gelebt hat. In den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts war die Künstlerin
berühmt – und auch ein bisschen berüchtigt. Heute ist sie fast vergessen.
Laura Bush wurde also gleich mit zwei Frauen konfrontiert, deren way of
life sich konservativen Konventionen widersetzt.
 Patricia
Cronin The Sleeping Faun By
Harriet Hosmer, 1865 The Harriet
Hosmer Catalogue Raisonne Project ©
Patricia Cronin
Die erotischen Gouachen,
mit denen Patricia Cronin Mitte der Neunziger bekannt wurde, hätte man der
Präsidentengattin garantiert vorenthalten. Die expliziten Close-Ups zeigen
die Künstlerin und ihre Freundin, die Malerin Deborah
Kass, beim Sex. Auch Monument to a Marriage (2002) zelebriert
ihre Liebe – diesmal in Marmor, im neoklassizistischen Stil des 19.
Jahrhunderts. Die weiße Skulptur zeigt die beiden Frauen in inniger
Umarmung auf einem Bett, ihre nackten Körper zeichnen sich deutlich unter
einem dünnen Tuch ab. Installiert hat Cronin das drei Tonnen schwere Werk
auf dem Woodlawn
Cemetery. Über dem Grab, das sie einmal mit ihrer Freundin teilen
wird.
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Patricia Cronin Memorial
to a Marriage © Patricia Cronin
Der
Friedhof, der häufig als die New Yorker Ausgabe des Pariser Père
Lachaise bezeichnet wird, beherbergt nicht nur die Gräber
amerikanischer Ikonen wie Herman
Melville, Duke
Ellington oder Miles
Davis. Auch die letzten sechs New Yorker Bürgermeister sowie
ehrwürdige Kongressmänner und Senatoren fanden hier ihre letzte
Ruhestätte. Inmitten melancholischer Engel, zerbrochener Säulen und
Mausoleen, die an mittelalterliche Burgen oder antike Tempel erinnern, hat
Cronin ein subversives Monument geschmuggelt. Ein lesbischer Liebestod als
Denkmal für eine Ehe, die dem Gesetz nach gar nicht existiert hat.
Bei
den Recherchen zu dieser Skulptur stieß Cronin auf Harriet Hosmer – die
erste Frau, die als Bildhauerin Karriere machte. Das Leben der 1830
geborenen Amerikanerin wäre eine ideale Vorlage für einen feministischen
Roman. Weil seine anderen Kinder und auch seine Frau der Tuberkulose
zum Opfer gefallen waren, wurde Harriet von ihrem Vater wie ein Junge
erzogen. Der Arzt war davon überzeugt, dass nur ein Höchstmaß an
körperlicher Ertüchtigung seine Tochter gegen die gefürchtete Krankheit
wappnen könne. Schnell stellte sich heraus, dass das überaus sportliche
Mädchen nicht nur ausgezeichnet reiten und schießen konnte, sondern auch
künstlerisch begabt war. Also richtete ihr der Vater das erste Atelier
ein, die Grundbegriffe der Anatomie vermittelte ein befreundeter
Mediziner. Harriet verweigerte sich der traditionellen Frauenrolle, trug
mit Vorliebe Männergarderobe und wagte es sogar, ohne Anstandsdame den
Mississippi zu bereisen. Eine ihrer frühen Skulpturen erregte die
Aufmerksamkeit von Charlotte
Cushman. Die lesbische Schauspielerin mit einem Faible für Hosenrollen
war gerade im Begriff, nach Rom aufzubrechen. Sie überredete Harriets
Vater seiner Tochter zu erlauben, sie dorthin zu begleiten. In den
Vereinigten Staaten bestanden für die junge Künstlerin kaum Chancen sich
weiterzuentwickeln, denn die meisten Kunstakademien lehnten Frauen
schlichtweg ab.
 Will
o' the Wisp, 1858 Harriet Hosmer Courtesy
Smithsonian American Art Museum
In Rom
überzeugte Hosmers Talent den englischen Bildhauer John
Gibson und er akzeptierte die 22-Jährige als einzige Schülerin. Seine
neoklassizistischen, von Canova
und Thorwaldsen
beeinflussten Arbeiten prägten ihren Stil. Schnell feierte sie mit ihren
Marmorskulpturen erste Erfolge. Von ihrem Puck verkaufte sie 50
Repliken – eine sogar an den Prince
of Wales. Gern widmete sie sich Heldinnen der antiken Geschichte wie
der syrischen Königin Zenobia,
die dem Römischen Imperium die Stirn bot.
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