Der lachende Pinsel
Gibt es
tatsächlich keinen vorherrschenden Stil, keine verbindlichen Themen in der
Gegenwartskunst? Leben wir wirklich in einem "Zeitalter der Diversität"?
Surrealismus, Minimalismus - das war gestern. Die versteinerte
Ernsthaftigkeit, die die Kunst des 20. Jahrhunderts zur Schau stellte, ist
unter großem Gelächter endgültig aufgeflogen, glaubt Ben
Lewis und erklärt warum Humor der Trend der Stunde ist.
 Maurizio
Cattelan, La nona ora, 1999 Courtesy
Galerie Emmanuel Perrotin, Paris-Miami
Heutzutage
kann ich kaum eine ernste Miene behalten, wenn ich aktuelle Kunst ansehe.
Betrete ich eine Galerie, stoße ich immer auf etwas, das mir ein Grinsen
aufs Gesicht zaubert, mich peinlich laut loskichern lässt oder mir ein
unwillkürliches, höhnisches Prusten entlockt. Alles begann an einem Tag in
den frühen Neuzigern in einer Ausstellung mit dem bedeutungsschwangeren
Titel Apokalypse.
Ich bog um die Ecke und stand plötzlich vor Maurizio
Cattelans lebensechter Wachsfigur des Papstes, der gerade von einem
Meteoriten erschlagen wird - ein dreidimensionaler Cartoon, der die
Heilsversprechen der katholischen Kirche Hops nimmt.
Das war glaube
ich das erste Mal, dass ich in einer Galerie einen Lachanfall bekam. Schon
bald darauf fühlte ich mich auf Messen von permanenter Heiterkeit umgeben.
Ich entdeckte liebevoll ausgearbeitete Skulpturen von kotzenden Affen,
Schweine mit Disney-oder
Louis-Vuitton-Tattoos,
afrikanische Statuen, die McDonalds-Hamburger
mampfen, oder Fotos von Männern, die mit Pommes in den Nasenlöchern
merkwürdige Gymnastikübungen mit Wassermelonen vollführten.
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Erwin Wurm, One Minute Sculptures,
1997 Sammlung Centre
Pompidou, Paris, © VBK, Wien, 2006
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Es wird häufig gesagt, es gäbe keine großen Strömungen,
keine klaren Stilrichtungen, keine verbindlichen Themen in der
Gegenwartskunst. Stattdessen behauptet man, wir lebten in einem
postmodernen Zeitalter, das nur noch Vielfältigkeit kennt. Die Künstler
agieren mit allen nur erdenklichen Medien. Sie schießen Fotos, nutzen
vorgefundene Gegenstände, produzieren Zeichnungen, Skulpturen, Gemälde
oder unternehmen Spaziergänge und Exkursionen. Maler können zugleich
gegenständlich oder abstrakt sein. Sie malen neoexpressiv,
photorealistisch oder im Pop-Art-Stil und folgen Kippenberger
oder Tuymans.
Konzeptkünstler fotografieren, Fotografen machen Konzeptkunst. Theoretiker
sagen, dass es keine Theorie mehr gibt. Aber was, frage ich Sie, haben
folgende, allesamt berühmte Künstler wohl gemeinsam? Was verbindet
Maurizio Cattelan, Fischli
& Weiss, Jeff
Koons, Felix
Gonzales Torres, Wim Delvoye, Bruce
Nauman, Doug
Fishbone, die Chapman-Brüder,
Martin
Kippenberger, Duane
Hanson, Claes Oldenburg
und Erwin Wurm?
 Erwin
Wurm, Carrying Edelbert Köb (Be nice to your curator), 2006 Foto:
MUMOK/ Beatrix Fiala, © VBK, Wien, 2006
Die
Antwort lautet: Sie alle haben zum Schreien komische Kunst produziert.
Nennen Sie mich ruhig einen altmodischen Anhänger von Wölfflin.
Aber ich glaube wirklich, dass jede Epoche unweigerlich ihren eigenen Stil
hervorbringt…. Manierismus, Neoklassizismus, Surrealismus. Und heute ist
Humor der neue Ismus. Das Wort Ironiker existiert ja bereits, warum
erfinden wir nicht so etwas wie Ironizismus? Oder Sarkastizimus? Und wenn
sich die Ära der "lächerlichen" Kunst dem Ende zuneigt und dann Sex die
neue Obsession ist, wie wird dann wohl der entsprechende Begriff lauten?
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Jeff Koons, Balloon Dog (Blue),
1994-2000(Jeff Koons Courtesy of
The Broad Art Foundation, Santa Monica Foto
Douglas M. Parker Studio, Los Angeles
Noch
nie war Kunst so komisch wie heute. Das betrifft sicher nicht nur das
Kunst-Entertainment. In der Entwicklung unserer Kultur befinden wir uns an
einem historischen, humoristischen Scheideweg. Und wenn wir erst einmal
damit anfangen, die gegenwärtige Kunst als große Komödie zu betrachten,
entsteht auch plötzlich ein Zusammenhang zwischen ihren ganz
unterschiedlichen Erscheinungsformen. Der mürrische Ernst, mit dem sich
die Kunst des 20. Jahrhunderts präsentierte, wurde spätestens in den
frühen Neuzigern entlarvt. Damals vermehrten sich die Witze über die
prätentiöse Abgehobenheit des Kunstbetriebs wie die spiegelnden
Edelstahl-Karnickel von Jeff Koons.
Zumeist
werden Felix Gonzalez Torres' Arrangements aus in Stanniol gewickelten
Bonbons als anrührende Arbeiten über das Teilen interpretiert, aber ich
glaube, sie sind gleichzeitig durchaus komische Meisterwerke. Mit seinen
auf dem Boden ausgelegten Rechtecken von silbern verpackten Drops nahm er
die Heavy Metal-Bodenplatten des Minimal-Künstlers Carl
Andre auf die Schippe. Und als Torres Berge von Süßigkeiten in einen
Winkel zwischen zwei aufeinander zulaufende Galeriewände häufte, war das
eine Satire auf die künstlerischen Praktiken des Konzeptkunst-Rambos Richard
Serra. Der reagierte auf genau dieselbe räumliche Situation ganz
ähnlich, nur dass er dabei geschmolzenes Blei einsetzte.
Ich
kann mir Jeff Koons Balloon Dog nur mit einem Grinsen ansehen, wenn
ich bedenke, was für eine weihevolle Aura die super-stromlinienförmigen
Skulpturen von Henry Moore
oder Anish
Kapoor angeblich umgibt. Auch Damien
Hirst hat eine Produktlinie auf Lager, die sich über die Eitelkeiten
der Kunst lustig macht - seine Zigarettenkippen, die sich in riesigen
Aschenbechern stapeln. Zynisch platziert er sie auf Bürotischen, die er in
riesigen Vitrinen präsentiert oder wie geologische Fundstücke sorgfältig
in Kabinetten arrangiert. Genau wie Manzoni seine eigenen Exkremente
eingedost hat, präsentiert Hirst seine Kippen als komische Symbole für den
Mythos des originären Künstlers. Aber anders als Manzoni,
der all seine Merda D'Artista vermutlich selbst produziert hat, hat
Damien seine Assistenten wohl dazu gezwungen, die krebserregenden
Glimmstängel für ihn zu rauchen.
 Claes
Oldenburg, Mistos (Match Cover), 1992 Vall
d'Hebron, Barcelona Foto Attilio
Maranzano © Claes Oldenburg,
Coosje van Bruggen
Das zwanzigste
Jahrhundert ist übersät mit Prototypen für dieses Phänomen. Der erste von
ihnen war Duchamps Fountain,
das er eigentlich so konzipiert hatte, dass es keine Galerie je ausstellen
würde. Doch das ging gründlich in die Hose. Bis Manzoni seine
Künstlerhäufchen in Dosen verschweißte, sollte Duchamps skatologisches
Ready Made über fünfzig Jahre lang unangefochten als skatologisches
Meisterwerk regieren. Auch Warhols Piss
Paintings setzten später diese ruhmreiche Tradition fort.
Humor
tritt in ganz unterschiedlichen Formen auf - Ironie, Spott, Satire,
Parodie, Sarkasmus, Slapstick, natürlich auch als fröhliche
Belanglosigkeit oder geistreicher Witz. Wenn wir versuchen wollen, den
Zeitgeist der Gegenwartskunst einzufangen, sollten wir die verschiedenen
Arten von Humor, mit denen die Künstler heute operieren, also sehr genau
anschauen.
Im Gegensatz zu Manzoni oder Hirst war Claes Oldenburg
der Wegbereiter für eine Komik, bei der es nicht gar nicht mehr um die
Kritik an den Mythen der Moderne geht. Seine Pop-Skulpturen beziehen ihren
Humor aus der bloßen Übertreibung. Stellen Sie eine möglichst gewagte
Behauptung auf und die Leute werden bestimmt loslachen. So werden Sie sich
vielleicht auch gerade fragen, ob die ambitionierte These dieses Artikels
wirklich ernst gemeint ist. Oldenburg monumentalisierte und überzog das
Banale und Alltägliche. Man denke nur seine gigantischen Streichhölzer
oder die verknotete die Pistole, die er vor den Vereinten
Nationen in New York aufstellte - ein gigantischer 3-D-Cartoon. Der
Belgier Marcel
Broodthaers wiederum erfand einen dritten, eher konzeptionellen Typ
von künstlerischem Witz: Er verpasste Kühen die Namen von Automarken und
parodierte monochrome Gemälde mit seinen Rechtecken aus dunklen
Miesmuschelschalen, den Überresten des köstlichen belgischen
Nationalgerichts.
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