Subversive Strategien Der Preis für junge polnische
Kunst 2007
In Warschau wird seit 2003 alle zwei Jahre
der Preis für junge polnische Kunst vergeben - ein gemeinsames Projekt von
Deutscher Bank und der Zacheta Nationalgalerie. Für dieses Engagement
wurde die Bank vom polnischen Kultusministerium als "Patron of Culture"
ausgezeichnet. Achim Drucks stellt die aktuellen Bewerber für den
mit 10.000 Euro dotierten Preis vor.
 Michal
Stachyra, Mission: Defence, 2006, courtesy
Galeria Biala, Lublin
Ohne polnische
Beteiligung kommt derzeit kaum eine Biennale aus. Monika
Sosnowska, die in diesem Jahr den polnischen Pavillion in Venedig
bespielte, gilt als heißeste Anwärterin auf den Goldenen Löwen. Und Namen
wie Wilhelm
Sasnal, Pavel
Althamer oder Paulina
Olowska belegen den Boom zeitgenössischer Kunst aus einem Land, das
sich nach wie vor im Umbruch befindet. Gerade das Aufeinanderprallen
zwischen sozialistischer Vergangenheit und globalem Turbo-Kapitalismus
scheint eine junge, vitale Kunstszene zu inspirieren. Doch trotz
internationaler Erfolge fehlt es in Polen noch immer an Sammlern,
Sponsoren und Stipendien. Deshalb engagiert sich die Deutsche Bank schon
seit den frühen Neunzigern für die polnische Kunst und kauft gezielt auch
Arbeiten jüngerer Künstler für ihre Sammlung an. Gemeinsam mit der Zacheta
Nationalgalerie, dem landesweit renommiertesten Ausstellungsort für
zeitgenössische Kunst, hat sie diese Förderung 2003 noch intensiviert und Views
ins Leben gerufen. Eine Schau, die in dem Warschauer Museum alle zwei
Jahre die interessantesten aufstrebenden Künster präsentiert. Aus den
vorgestellten Positionen wählt eine Jury dann den Gewinner des mit 10.000
Euro dotierten Preises für junge polnische Kunst. Außerdem vergibt sie ein
sechsmonatiges Arbeitsstipendium in Berlin.
 Michal
Stachyra, Mission: Defence, 2006, courtesy
Galeria Biala, Lublin
Wie kontrovers die
Statements sind, die zurzeit aus Polen kommen, verdeutlicht ein Blick auf
die nomminierten Künstler: Die sieben ausgewählten Positionen arbeiten mit
absurden Witz, üben Institutionskritik oder setzen sich mit brisanten
Themen wie dem Terrorismus auseinander - so etwa der junge Lubliner Michal
Stachyra, der für seine Performances in ganz unterschiedliche Rollen
schlüpft. Für Mission Defence, seine Abschlußarbeit an
der Kunsthochschule Lublin verwandelte er sich Anfang 2007 in einen
zivilen Anti-Terror-Kämpfer. Er übte sich in Schießen, Selbstverteidigung
und Erster Hilfe, absolvierte ein exzessives Trainingsprogramm und schlug
vor, die Fassade der Hochschule mit Camouflage-Muster zu bemalen, um die
Institution vor eventuellen Angriffen schützen. Bei Views
präsentiert Stachyra einen feierlich aufgebahrten Saddam Hussein. Das
Ebenbild des hingerichteten Diktators darf man allerdings nur nach einem
Sicherheitscheck betrachten.
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Rafal Jakubowicz, Plywalnia/Swimming Pool,
2006, courtesy Rafal Jakubowicz
Der
Hang zur Provokation scheint typisch für die polnische Gegenwartskunst.
Man denke nur an Katarzyna
Kozyras Midget Gallery,
eine Gruppe Kleinwüchsiger, die die internationalen Kunstmessen unsicher
macht. Oder, als prominentestes Beispiel, Piotr
Uklanskis umstrittenen Fotozyklus The
Nazis. Als er 2000 in der Zacheta zu sehen war, attackierte der
polnische Schauspielstar Daniel
Olbrychski die Serie von Porträts bekannter Schauspieler in SS- und
Wehrmachtsuniformen mit einem Säbel und verursachte den bislang größten
Kunstskandal der polnischen Nachkriegsgeschichte. Auch Rafal
Jakubowicz setzt sich kontrovers mit der deutsch-polnischen
Vergangenheit auseinander und löste 2002 mit seinem Werk Arbeitsdisziplin
heftige Diskussionen aus. Seine Fotografie zeigt das Volkswagenwerk in
Poznan, der Heimatstadt des Künstlers ganz in der Nähe der
deutsch-polnischen Grenze. Vor einem dramatischen Abendhimmel erhebt sich
hinter Stacheldraht ein Turm mit dem Logo des Automobilherstellers. Unter
der Aufnahme prangt das Wort "Arbeitsdisziplin". Diese Anspielung auf die
Verstrickungen des Konzerns mit dem Dritten Reich sorgte nicht nur im
Direktorium des VW-Werks für große Aufregung.
 Janek
Simon, Chleb krakowski/Cracow Bread, 2006, courtesy
Galeria Raster
Für Jakubowicz ist der
Kontext, in dem er seine Projekte realisiert, von entscheidender
Bedeutung. Auf die Fassade einer ehemaligen Synagoge, die unter den
Nationalsozialisten in eine Schwimmhalle umgewandelt wurde, projezierte er
mit hebräischen Lettern das Wort "Schwimmbad". Wie ein Geist meldet sich
die Vergangenheit zurück. In der Zacheta setzt er sich mit der Rolle der
Deutschen Bank als Sponsor von Views auseinander. Er hat das
Banklogo in die Wand der Galerie hineingeschnitten, um es dann wieder
zuzuspachteln und zu überstreichen. Die Wand strahlt jetzt wieder so weiß
wie vorher. Nur der Putz auf dem Boden kündet von der Aktion - und ein im
Deutsche-Bank-Look gestalteter Folder, in dem sie dokumentiert wird.
 Sedzia
Glówny, Rozdzial XX/Chapter XX, 2004, Performance, Foto
Marek Swiech
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