In dieser Ausgabe:
>> Interview Thomas Willemeit/Graft
>> Hartung in Leipzig / Presse: Washburn und Marden

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Graft, Entwurf für ein Hotel in Tiflis, Georgien, 2006
Courtesy Graft


"To graft" bedeutet aufpfropfen. Der Begriff stammt aus dem Weinbau. Ich muss dabei allerdings immer an Kakteen denken. Grünen Kakteen werden ja gelbe oder rote Exemplare aufgepfropft, die ohne diese Unterlage gar nicht lebensfähig wären.

Genau das ist das entscheidende: Alleine sind sie nicht lebensfähig. Das ist für uns die Metapher einer Strategie für den Prozess der Globalisierung. Bevor wir in ausschließende Konkurrenz zu uns unbekannten Kulturen treten, sollte man erst einmal den Standpunkt einnehmen, dass man nur gemeinsam lebensfähig ist. Die großen Diskussionen über den Klimawandel spielen genauso in diesen Kontext hinein wie kulturelle Konflikte. Mit unseren Strategien möchten wir die bestmögliche Koexistenz oder Kooperation unterschiedlicher Ansätze herstellen. Das lässt sich im globalen Kontext genauso beschreiben wie hier im Büro, wo fünf Mitarbeiter ganz unterschiedlicher Nationalität an einem Projekt sitzen. Oder wenn Architekt und Bauherr um ein Problem ringen. Oder – ganz banal – es gibt ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. In welchem Verhältnis stehen die beiden Räume? Wir vertreten eben nicht die Auffassung, dass man zwischen allem eine Wand zieht und dann eine Tür baut. Sondern dass man das Leben nicht in Kategorien einteilt. Wir versuchen, ein Umfeld für eine Lebensszenerie zu schaffen, das ein kontinuierliches Erlebnis ermöglicht.




Graft, Entwurf für einen Hotelkomplex in Palm Springs, 2006
Courtesy Graft


Eines ihrer beeindruckendsten Projekte ist für mich Ihr Entwurf für einen Hotelkomplex in Palm Springs, eine spektakuläre Wasserlandschaft mitten in der Wüste.

Dieses Projekt ist sehr interessant, weil wir uns mit möglichen Lösungen konfrontieren wollten, die nicht unserem vorhandenen formalen Vokabular entstammen. Deshalb haben wir jemand anderes für uns entwerfen lassen – den Computer. Wir haben ihm das Grundstück eingegeben und ein Programm benutzt, mit dem die NASA Erosionsprozesse simuliert. Damit haben wir dieses Sandgrundstück dem Wind ausgesetzt, der dort auch tatsächlich vorhanden ist. Wir wollten sehen, wie sich der Wind bei bestimmten Parametern, die wir vorgegeben haben, auswirkt. Natürlich haben wir wichtige Entscheidungen gefällt, uns aber eben nicht einfach hingestellt und die Landschaft ruiniert. Wir dachten, wenn uns jemand anders etwas vorsetzt, entdecken wir Dinge, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Deshalb sieht das Projekt auch so anders aus. Wir waren einfach offen genug, um das Unvorhergesehene zuzulassen.




Graft, Spa, Hotelkomplex in Palm Springs, 2006
Courtesy Graft


Welche Rolle spielt denn die jeweilige Umgebung für das Projekt. Etwa, wenn Graft einen Hotelkomplex für eine Bucht inmitten unberührter Natur entwirft, die dadurch ja auch zerstört wird?

Wenn man etwas baut, muss man gleichzeitig etwas zerstören. Wir denken dabei immer an den Architekten Luigi Snozzi. Er fragte einmal: Woran denken Sie, wenn Sie einen Baum sehen? Viele Leute sagen dann: an schöne Natur oder dass er Sauerstoff produziert. Snozzi meinte allerdings, ein Architekt würde immer denken: Daraus kann ich einen guten Tisch bauen. Und das ist natürlich die Tätigkeit eines Architekten, eher wie ein Metzger vorzugehen und nicht wie ein Fundamentalbewahrer. Ein guter Architekt wird aber immer versuchen, die Qualitäten eines Ortes zu verstärken. Also das direkte Gegenüber von Artefakt und Umfeld so stark wie möglich zu machen, indem das Gebäude die Landschaft überhöht und nicht alles komplett abgeholzt wird. Bei einer so fantastischen Bucht möchte man dafür sorgen, dass man sie von jedem Haus aus sieht, möglichst ohne dabei andere Häuser im Blickfeld zu haben. Aber davon zu träumen, dass die Bucht unberührt bliebe, hieße ja auch, dass niemand sie genießen kann.



Graft, Entwurf für eine temporäre Kunsthalle in Berlin, 2006
Courtesy Graft


Wie sieht der Bezug zum Umfeld bei der temporären Kunsthalle aus, die sie für die Schlossbrache in Berlin entworfen haben?

Da hat uns die Umgebung sehr stark beeinflusst. Noch mehr allerdings die Diskussion um das Stadtschloss und den Palast der Republik. Und natürlich auch die Diskussion darüber, dass man angeblich nichts anderes als das Schloss an diesen Platz stellen könne. Unsere "Wolke" lässt sich nur aus diesem Kontext heraus erklären. Die Tatsache, dass die Qualität der Metapher Wolke sich vor allem auf den Kern der Diskussion – also das steinerne Berlin und den Wiederaufbau des Schlosses – bezieht, macht einen großen Teil ihrer Kraft aus. Das Objekt wirkt schwerelos und tritt nur als temporärer Besucher auf. Dennoch nimmt es eine extrem starke Beziehung zu seinem Umfeld auf. Allerdings ganz anders als das Schloss, indem es nämlich nicht vier separierte Szenerien entwirft, sondern versucht, ein Raumkontinuum um sich selbst herum zu schaffen, das einen Zusammenhang zu allen Bauten in der Umgebung herstellt. Es geht dabei aber nicht um ein entweder oder, sondern darum, dass beides möglich ist. Was temporär denkbar ist, das ist der notwendige Widerpart zu der Behauptung, dass man das ewig Gültige braucht, um glücklich zu sein. Mir kann niemand erzählen, dass er hundertprozentig davon überzeugt ist, dass Berlin nur dann eine glückliche Zukunft haben wird, wenn ein programmatischer Bau wiederentsteht, dessen Inhalt sich in Luft aufgelöst hat
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