"Das Unvorhergesehene zulassen" Ein
Interview mit Graft-Architekt Thomas Willemeit
Sie gelten
als Deutschlands glamouröseste Architekten. Mit ihren eigenwilligen
Entwürfen hat Graft sogar Hollywoodstar Brad Pitt begeistert, der sich von
dem Trio aus Deutschland ein Gästehaus entwerfen ließ. Im Rahmenprogramm
zu Phoebe Washburns architektonischer Installation Regulated
Fool's Milk Meadow hielt Thomas Willemeit, einer der drei Gründer
des Architekturbüros mit Dependancen in Los Angeles, Peking und Berlin, im Deutsche
Guggenheim einen Vortrag über die engen Verbindungen zwischen Skulptur
und Architektur und die innovativen Bauten von Graft.
 Graft,
Stack Restaurant, Las Vegas 2007, Foto
Ricky Ridecos, Courtesy Graft
Achim
Drucks: Welche Verbindungen sehen Sie zwischen den Arbeiten von
Phoebe Washburn und den Projekten von Graft?
Thomas
Willemeit: Phoebe
Washburns Arbeit beinhaltet vieles von dem, womit auch wir uns
beschäftigen – wie etwa ökologische Architektur. Aber auch den Aspekt,
dass sie in einem Gebäude der Deutschen Bank eine zusammengezimmerte
Bretterbude installiert, wodurch ja ein Spannungsverhältnis entsteht. Oder
das Thema der Verbindung von Landschaft und Architektur. Aber ihr Haus ist
natürlich nicht nur ein Haus. Es besitzt eine skulpturale Kraft, die in
einem rein architekturautonomen Diskurs nicht beschreibbar wäre. Und da
reden wir über ein Thema, das uns sehr stark interessiert. Dass
Architektur eine kraftvolle Aussage tragen kann, die sich kommuniziert und
sich als starke Energie auf den Betrachter oder Benutzer überträgt. Also
der Glaube daran, dass Architektur auch skulpturale Qualitäten haben kann
und im besten Fall auch immer hat.
 Graft,
Entwurf Kirche Wünsdorf, 2006, Courtesy Graft
Wie
sehen Sie das Verhältnis zwischen Architektur und Skulptur?
Wir
glauben, dass sich Architektur und Skulptur stark durchdringen. Sie sind
nie ganz voneinander zu trennen, sondern unterschiedliche Facetten ein und
derselben Sache. Gotische Kathedralen etwa besitzen durchaus auch
skulpturale Qualitäten. Bei Teilen der Moderne dagegen herrscht die
zumindest theoretische Auffassung, dass Architektur sich vor allem aus der
Funktion, dem praktischen Nutzen ableitet. Theorien der Moderne drücken
den Wunsch aus, dass Architektur als autonome Disziplin mit eigenen Regeln
wahrgenommen wird. Im direkten Zusammenhang mit Kunst soll sie
beispielsweise eher einen neutralen Hintergrund für ein Bedeutung
tragendes Kunstwerk abgeben. Deshalb ist die Moderne etwas, demgegenüber
wir uns ganz stark positionieren, uns durchaus auch abgrenzen – jedenfalls
von diesem Aspekt.
 Graft,
Hotel Q, Bar, Berlin 2004, Foto
hiepler brunier architekturfotografie, Courtesy Graft
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Einige Ihrer Entwürfe ähneln ja durchaus auch
Skulpturen, die einem in einer Galerie begegnen könnten. Könnten Sie sich
so etwas vorstellen?
Wir haben eigentlich
keine Schwierigkeit, uns das vorzustellen. Aber es ist natürlich nicht das
erstrebenswerteste Ziel unserer Architektur, sie als rein skulpturale
Objekte auszustellen. Die meisten unserer Architekturen werden für eine
bestimmte Nutzung entwickelt und erklären sich auch daraus. Sie sehen sich
nie als reine Objekte. Und da unterscheiden sich diese Figuren doch ganz
stark von dem, was man gemeinhin unter Skulptur versteht. Skulptur besitzt
ja Kraft, die sich auf den Raum überträgt und auf diesen bezieht.
Genausowenig gibt es keine Architektur, die im neutralen, luftleeren Raum
existiert. Wenn man unsere Entwürfe aus ihren Kontexten rausnimmt, wäre es
sicherlich ein Qualitätsmerkmal, wenn sie dann immer noch diese
skulpturale Kraft besäßen. Wir würden dann aber eher erwarten, dass ein
Ausstellungsmacher für dieses Architekturobjekt einen dramatischen Kontext
erfindet, der wiederum in einem spannungsvollen Verhältnis dazu steht.
 Graft,
Entwurf Knothouse, Courtesy Graft
Ihre
Entwürfe verdanken ihre speziellen Qualitäten auch den Möglichkeiten des
Computers.
Der Einfluss des Computers auf
die Entwicklung von Teilen unseres formalen Vokabulars ist ein ganz
ungeheurer. Plötzlich werden ganz neue Formen denk- und baubar, aber auch
kommunizierbar. Während unserer Ausbildung lagen die Grenzen zwischen
Architektur und Skulptur dort, wo man zweidimensionale Risse anfertigen
kann. Sobald man eine Form in zweidimensionale Zeichnungen übertragen und
sie dann jemandem geben kann, der diese Form so baut, wie sie intendiert
war, ist es Architektur. Solange unser persönliches Handanlegen
erforderlich ist, um eine Figur zu erzeugen, ist es Skulptur. Mit dem
Computer kann man jetzt viel komplexere Formen kommunizieren und damit
verschwindet die Grenze zwischen manuellem Vorgehen und gebautem Objekt.
Diese komplexen Figuren können nicht nur aus den vier Himmelsrichtungen
gelesen werden, sondern aus einem Blickwinkel von 360 Grad und sie sehen
aus jedem Blickwinkel anders aus.
 Graft,
Zahnarztpraxis, Berlin 2005, Foto
hiepler brunier architekturfotografie, Courtesy Graft
Graft
hat sich innerhalb kurzer Zeit von einem Drei-Mann-Betrieb in ein
Unternehmen mit knapp 90 Mitarbeitern entwickelt. Was macht Sie so
erfolgreich?
Den wichtigsten Aspekt sehen
wir darin, dass wir immer eine sehr besondere Verbindung zum Bauherrn
eingehen. Dass wir sehr neugierig darauf sind, wieso der Bauherr anders
ist als andere. Wir haben eine kindliche Freude daran, ihn mit etwas zu
konfrontieren, das er wahrscheinlich überhaupt nicht erwartet hat. Was
sich aber extrem stark auf etwas bezieht, das in der speziellen Bauaufgabe
anders ist als in vergleichbaren Projekten. Wir versuchen Bauherrn immer
zu ermutigen, sich gemeinsam mit uns auf das Unbekannte einzulassen. Und
wenn wir dann zu einem Ergebnis kommen, das man so noch nicht gesehen hat,
macht das alle happy. Uns, weil auch wir wieder etwas Neues entdeckt
haben. Und den Bauherrn, weil er – vielleicht nach einem anfänglichen
Schock – mit Sicherheit etwas hat, von dem andere eben nicht sagen können,
das sieht ja aus wie das und das.
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