Spontanes Kalkül Dr. Hans-Werner Schmidt über
die große Hans-Hartung-Schau in Leipzig
 Hans
Hartung, ohne Titel, 1955, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
Mit
seinen gestischen, an fernöstliche Kalligrafien erinnernden Abstraktionen
avancierte Hans Hartung in den
vierziger Jahren zu einem der bedeutendsten Vertreter der informellen
Malerei. Jetzt feiert ihn das Museum
der bildenden Künste in Leipzig mit einer umfassenden
Retrospektive, die von der Deutschen Bank gefördert wird. Zugleich feiert
die Schau die Rückkehr eines verlorenen Sohnes: Spontanes
Kalkül ist die erste Ausstellung des 1904 geborenen Künstlers
in seiner Heimatstadt, wo er auch 1924 mit seinem Kunststudium begann.
Schon damals entstanden ungegenständliche Arbeiten, die man durchaus mit Kandinskys
Leistungen vergleichen kann. Diesem früh entwickelten Stil blieb Hartung
in seiner weiteren künstlerischen Karriere treu. Neben Gemälden schuf er
ein umfangreiches, höchst eigenwilliges zeichnerisches Werk, das ihm
häufig als Vorlage für seine Malerei diente.
 Hans
Hartung, Selbstbildnis, 1981, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
Fasziniert
von der französischen Kunst reiste Hartung 1926 erstmals nach Paris, wo er
sein Kunststudium fortsetzte. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre zog
er ganz in die französische Hauptstadt und lebte er dort inmitten der
künstlerischen Avantgarde seiner Zeit. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er
freiwillig auf Seiten Frankreichs in der Fremdenlegion gegen Deutschland.
Dabei wurde Hartung so schwer verletzt, dass ihm das rechte Bein amputiert
werden musste. Im Jahr 1945 beantragte der Künstler die französische
Staatsbürgerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Hartung als einer der
wichtigsten Maler des Informel,
einer Kunstrichtung, die nach einer Zeit der politisch determinierten
Kunstdoktrinen für eine neue Subjektivität und Freiheit des künstlerischen
Ausdrucks in Westdeutschland und Frankreich stand. Damit wurde der
Künstler zu einer Symbolfigur der deutsch-französischen Versöhnung.
 Hans
Hartung, T 1983-E42, 1983, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
Für
Spontanes Kalkül konnte zu einem großen Teil auf den
Werkbestand der Fondation
Hans Hartung et Anna-Eva Bergmann zurückgegriffen werden. Die fünf
Jahre nach dem Tod des Künstlers 1989 gegründete Stiftung ist in Antibes
beheimatet, wo Hans Hartung mit seiner Frau, der Malerin Anna-Eva
Bergman, seit 1972 lebte. Die Retrospektive wird mit einer großen Zahl
von Gemälden, Zeichnungen, Graphiken und zum ersten Mal auch mit den
bislang kaum bekannten fotografischen Arbeiten das vielfältige Werk und
den Lebensweg des Künstlers nachzeichnen, der in seiner Heimatstadt etwas
in Vergessenheit geratenen ist. Brigitte Werneburg sprach mit Dr.
Hans-Werner Schmidt, dem Direktor des Museums, über die erste große
Ausstellung Hartungs in Ostdeutschland.
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Hans-Werner Schmidt, der
Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig
Brigitte
Werneburg: Hans Hartungs künstlerischer
Aufstieg fiel in die 50er Jahre. Als Gegner des Nationalsozialismus, der
gegen das Regime gekämpft hatte – nicht als Linker, sondern als abstrakter
Künstler – war er für die westdeutsche Seite der ideale moderne Künstler.
Umgekehrt war er damit für die DDR disqualifiziert. Wurde Hartung dort
jemals gezeigt?
Dr. Hans-Werner Schmidt: Soweit mir
bekannt ist, nur ein einziges Mal anlässlich einer Schenkung von 61
Grafiken 1983, die Hartung dem Kupferstich-Kabinett
der Staatlichen
Kunstsammlungen in Dresden vermacht hatte. Ich mache heute noch die
Erfahrung, dass selbst das Leipziger Bildungsbürgertum mit dem Namen Hans
Hartung wenig verbindet.
Die Frage, ob es in Leipzig eine
Hartung-Sammlung gibt, erübrigt sich also?
Ja. Interessant
ist aber, dass Hartung, der nach seinem Weggang 1933 nie wieder nach
Leipzig kam, zum Museum Kontakt hielt, indem er seine Kataloge mit
liebevollen Widmungen schickte. Seit Januar 2005 allerdings besitzt unser
Museum eine große Zeichnung von ihm. Als das Haus neu eröffnet wurde,
feierte der Deutsche Galeristenverband sein 50-jähriges Jubiläum hier in
Leipzig. Als die Frage auf das Gastgeschenk kam, habe ich mir einen
Hartung gewünscht.
 Hans
Hartung, T 1950-7, 1950, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
Ihr
Haus verfügt ja über keinen Ankaufsetat. Sieht es mit dem Ausstellungsetat
besser aus?
Dank der Deutsche
Bank Stiftung in Frankfurt gibt es diesen Etat für Hartung. 2002 habe
ich im Rohbau zu einer Veranstaltung eingeladen, um unser Programm für die
Jahre nach der Neueröffnung vorzustellen. Weil ich davon ausging, dass das
Haus 2004 fertig sei, hatte ich für den September eine Hartung-Ausstellung
geplant, zu seinem hundersten Geburtstag. Dieser Plan musste dann fallen
gelassen werden. Aber es war eine Mitarbeiterin der Deutschen Bank vor
Ort, die auf mich zukam und sagte, diese Ausstellung könnte die Deutsche
Bank als Sponsor interessieren.
Der verlorene Sohn kehrt nun
drei Jahre später in seine Vaterstadt heim. Wie wird sie ihn empfangen?
Es
ist mir sehr wichtig, ihn in Leipzig zu zeigen, weil ich um die schwierige
Präsenz einer solchen Kunst hier am Ort weiß, wo ja die figürliche Malerei
eine starke Tradition hat. In der Figürlichkeit mit gesellschaftlicher
Verantwortung gleichgesetzt wurde, während gegenstandsloses Arbeiten sich
angeblich dieser Verantwortung entziehe. Aber mit seinem Entschluss
Deutschland zu verlassen bewies Hartung politische Verantwortung. Das
Regime betrachtete ihn nicht per se als Feind, er war weder Jude noch ein
Linker. Ihm ging es um die Freiheit der Kunst, in der die Freiheit des
Individuums lebt.
 Hans
Hartung, T 1963-H44, 1963, ©Stiftung
Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes
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