Erhörte Gebete Richard Princes Retrospektive
Spiritual America im Guggenheim Museum
So
grandios wie umstritten - die von der Deutschen Bank geförderte Richard
Prince Schau im New Yorker Guggenheim Museum ist die bislang umfassendste
Schau des Meisters der Appropriation Art. Subversive Kommentare zu den
Obsessionen der amerikanischen Gesellschaft oder nur gefälliges
Augenfutter? Oliver Koerner von Gustorf hat sich die Ausstellung
des Bilder-Piraten angesehen.
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Richard Prince, Courtney Love, aus
der Serie all the best, 2000 Sammlung
Deutsche Bank
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"Sexy" heißt das inzwischen verstaubte Modewort, mit dem
junge Kreative und Medienleute etwas bezeichnen, das begehrenswert,
innovativ und in irgendeiner Weise profitabel ist: Auch wenn kaum einer
mehr hören mag, dass Designer-Sofas, Werbe-Kampagnen, Kaffeemaschinen oder
Kunstwerke "sexy" sein sollen, passt dieses Adjektiv hervorragend auf die
große Richard
Prince Retrospektive im New Yorker Guggenheim
Museum. Denn gleich zu Beginn führt Spiritual America erst
einmal mitten ins Heartland kapitalistischer Erotik.
 Richard
Prince, Untitled (cowboy), 1989 ©
Richard Prince
So empfängt den Besucher
im Erdgeschoss des Hauses American Prayer - eine neue Skulptur, die
Prince aus der blank geschliffenen Karosserie eines Dodge
Charger geschaffen hat. Der 1969 erbaute Charger ist ein klassisches Muscle
Car: eines jener hoch frisierten Mittelklasseautos, mit denen in den
späten Sechzigern und frühen Siebzigern Rennen gefahren wurden. Damals ein
echtes Teen-Statussymbol. Prince hat das ausgeschlachtete Auto in einen
Block eingelassen und gleichermaßen als Retro-Sammlerstück wie auch als
abstraktes, minimalistisches Kunstwerk fetischisiert: Donald
Judd trifft auf Hot
Wheels. Das hat bereits Sexappeal, doch jedes Yang braucht ein Ying.
Als wollten Prince und die Guggenheim Chef-Kuratorin Nancy
Spector dieser phallischen White Trash-Phantasie eine weibliche
Entsprechung entgegensetzen, findet sich daneben der gigantische Abguss
eines Tire Planters -
den aus Felgen und aufgeschnittenen Autoreifen gebastelter Blumenkübel,
wie er Millionen von amerikanischen Südstaatengärten schmückt.
 Richard
Prince, Point Courage, 1989 ©
Richard Prince
Dieser krude und
durchaus komische Schöpfungsakt bildet die Ouvertüre zu einer der
grandiosesten und wohl auch umstrittensten US-Ausstellungen dieses Jahres.
Bereits 1992 wurde Richard Prince im Whitney
Museum mit einer großen Werkschau geehrt, doch noch nie waren seine
Arbeiten in solch einem Umfang zu sehen wie jetzt. In loser
chronologischer Reihenfolge markiert die Schau Stationen einer über
30-jährigen Laufbahn, wobei der Titel Spiritual
America zugleich auf eine der berühmtesten Arbeiten Richard
Princes verweist.
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Richard Prince, Untitled (labels), 1977
(Detail) © Richard Prince
In
einer Kunstwelt, in der alles erlaubt ist, wünscht man sich einen echten
Skandal. So wie 1983, als Prince in einer New Yorker Galerie das Foto
der zehnjährigen Brooke
Shields ausstellte: Das nackte, geschminkte Mädchen steht eingeölt in
den Dunstschwaden eines Badezimmers und blickt dem Betrachter fordernd
entgegen. Der pädophile Traum eines Künstlers? Ein Fall für das Jugendamt?
Nein, eine recycelte Auftragsarbeit! Denn das Foto hatte der Fotograf Gary
Gross bereits 1976 gemacht - im Auftrag von Shields Mutter, die ihre
Tochter als frühreifes Sexsymbol verewigt sehen wollte, zwei Jahre bevor
diese durch ihre Rolle als Kinderprostituierte in Louis
Malles Film Pretty
Baby weltberühmt wurde. Richard Princes Coup war es, das Foto
einfach abzufotografieren, es nach Alfred
Stieglitz' 1923 entstandener, legendärer Aufnahme
eines kastrierten Hengstes Spiritual America zu nennen. Dass Prince
das "gestohlene" Motiv als Kunstwerk ausstellte, löste einen langen Streit
um die Bildrechte aus und sollte zugleich dazu beitragen, eine
Kunstströmung weiter bekannt zu machen: Appropriation
Art, die Kunst der Aneignung.
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Richard Prince, Untitled (fashion),
1982-84 © Richard Prince
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Schon seit Anbruch der Moderne hatten Generationen von
Künstlern sich vorgefundenes Material angeeignet - man denke nur an die
Dadaisten, die Flaschentrockner oder Urinale, die Duchamp
als Readymades einsetzte, oder an die Siebdrucke von Warhol.
Und seit den späten Siebzigern unterminierten Künstlerinnen wie Elaine
Sturtevant und Sherrie
Levine mit nachgemalten und abfotografierten Meisterwerken der
Kunstgeschichte Begriffe wie Autorschaft, Originalität, Kreativität oder
geistiges Eigentum. "Appropriation Art" war in den frühen Achtzigern
zugleich der Begriff für eine neue Szene, in der zum ersten Mal Frauen
eine Vorreiterrolle spielten. So auch Cindy
Sherman, Richard Princes damalige Freundin. Zwischen 1977 und 1980
schuf sie ihre berühmte Serie Untiteled
Film Stills: 69 Schwarz-Weiß-Fotografien, in denen sie
verschiedene Frauenstereotypen personifizierte: Sekretärin, Arbeiterin,
Unschuld vom Land, Verführerin, Mordopfer in einem Film Noir,
Bibliothekarin, Hausfrau. Sherman orientierte sich dabei an Motiven aus
Magazinen, Filmen und Fernsehen. Ihre Figuren waren durchweg Objekte
männlichen Begehrens, gefangen in ihrer Rolle, definiert durch ihre Posen,
ihr Make-Up, Kleidung. So wie ihre Arbeit Geschlecht/ Gender, Subjekt,
Identität und Differenz thematisierte und zugleich den Begriff des
"originären" Kunstwerks in Frage stellte, kratzte auch Prince an den
bigotten Oberflächen der amerikanischen Popkultur.
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Richard Prince, Untitled (fashion),
1982-84 © Richard Prince
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Über fast ein Jahrzehnt lang hatte er zuvor beim
Ausschnitt-Dienst von Time
Life gearbeitet, Artikel archiviert und dabei aus den "übrig
gebliebenen" Resten seine eigene Sammlung von massenmedialen Images
angelegt. Im Akt des Abfotografierens fand Prince das geeignete
Instrument, um verborgene Sehnsüchte und Ängste der amerikanischen Psyche
freizulegen. So schreibt er in seinem Text I Second That Emotion
(1977-78): "Durch die Schaffung von etwas, das wie ein "Double" oder ein
"Geist" wirkt, könnte es möglich sein, das abzubilden, was im originalen
Foto oder Bild nur als Vorstellung existiert."
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