Spielwiese der Hingabe und Hinrichtung Kai Althoff in
der Züricher Kunsthalle
Teenager-Wunschwelten –
betörend und verstörend zugleich. Für seine aktuelle, von der Deutsche
Bank Stiftung geförderte Ausstellung hat Kai Althoff ein grandioses
Gesamtkunstwerk installiert. Eva Karcher ist in seine surrealen
Andachtsräume eingetaucht.
Ich
meine es auf jeden Fall schlecht mit ihnen: Wer bereits im Titel
so aufrichtig zu seinen negativen Absichten steht, dem darf man getrost
vertrauen. Weit geöffnet ist die Tür des filigran blassgelben Flechtwerks
am Eingang zum ersten Raum in Kai
Althoffs neue Ausstellung in der Kunsthalle
Zürich, der ersten umfassenden Schau des Künstlers seit längerem
in Europa.
 Kai
Althoff, "Ich meine es auf jeden Fall schlecht mit ihnen", Installationsansicht
Kunsthalle Zürich Foto A.
Burger, 2007. Courtesy Kunsthalle Zürich
Wie
alle weiteren hat er ihn als Andachtskammer aus Fetischen und
Devotionalien persönlicher und kollektiver Neigungen und Aversionen
inszeniert und mit hier bonbonglitzernden, dort rubinrot blutenden
Akzenten dramatisiert. Teppiche und Stofftapeten in Eierschalen-, Ocker-
Siena- und Umbraschattierungen überspannen Böden und Wände; auf ihnen und
an Stellagen hängen Gemälde und Zeichnungen, die innerhalb der letzten
zwanzig Jahre entstanden. Althoff kombiniert sie in immer neuen
Environments, drapiert um sie herum Kaskaden aus Stoff, verhängt sie mit
Tüll und Organza, breitet sie auf Fußböden aus, errichtet ihnen ein Podest
oder reiht sie zusammen mit anderen Objekten aneinander. In seinen Salons,
Boudoirs und Wandelhallen platziert er sie je nach Perspektive wahlweise
als kostbar funkelnde Joker oder dekorative Tapisserien und Accessoires.
 Kai
Althoff, "Ich meine es auf jeden Fall schlecht mit ihnen", Installationsansicht
Kunsthalle Zürich Foto A.
Burger, 2007. Courtesy Kunsthalle Zürich
Seine
Bilder und Skulpturen vor allem sind es, die bei Sammlern in Europa und
den USA zu Recht Starruhm erlangt haben und hohe Preise erzielen. Sie
bestehen für sich und würden sich auch souverän in jedem White Cube
behaupten. Als Teil eines Interieurs verlieren sie jedoch ihren
Trophäen-Charakter und fügen sich wie Splitter in das sentimental-surreale
Erzählmosaik des Künstlers. Dass er, 1966 in Köln geboren, nach wie vor in
der Stadt seiner Geburt lebt und arbeitet, mag ebenfalls ein Indiz dafür
sein, dass Althoff mit Heimat wie mit einem Ambiente umgeht, es als Ort
des Rückzugs wie des Aufbruchs begreift, eine Art Keimzelle für
Terrorismus wie Utopien.
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Kai Althoff, Ohne Titel, ca. 1994 Sammlung
Deutsche Bank
Seine Gemälde und
Zeichnungen waren von Anfang an brillant und unverkennbar. Mit
außergewöhnlicher Sensibilität und Sensualität für die jeweils
stilistische Aura seines gigantischen visuellen Fundus aus Hoch- und
Trivialkultur destilliert Althoff die jeweilige aromatische Essenz der
Bilder heraus und verleibt sie seinen Werken ein. Deren Parfüms verstärkt
er in der Schau tatsächlich riechbar durch Duftnoten aus lieblichen
Aromen, die er nach streng geheim gehaltenen Rezepten extra gemixt und
versprüht hat.
Adäquat überblendet er
auf den Wandarbeiten Adventskalender-Folklore mit Pieter
Brueghel-Klobigkeit, Psychedelic-Pop mit Clockwork
Orange-Sado-Glamour, Gustave
Moreau-Dekadenz mit Kirchner-Munch-Expressivität,
Paul
Gauguin-Exotik mit Aubrey
Beardsley-Eleganz. Undsoweiter. Auch James
Ensor und Ferdinand
Hodler oder gotische Kirchenfenster und Cartoons von Robert
Crumb werden zu sphärischen Ingredienzien einer Bildsprache, die weder
zitiert noch kopiert, sondern mit ästhetischen Mitteln nach Wesens- und
Wahlverwandtschaften sucht.
 Kai
Althoff, Ohne Titel, 1994 Sammlung
Deutsche Bank
Wohl auch deshalb
müssen Althoffs zweidimensionale Arbeiten über die Ränder ihrer Flachheit
hinaustreten und sich Räumen anverwandeln, die ihnen Schutz geben wie
Kokons, sie verbergen und verheimlichen wie Schatzhöhlen und Geheimlogen
oder sie im Gegenteil preisgeben und zur Schau stellen wie Discos und
Jugendclubs.
Althoff komponiert
Spielwiesen der Leidenschaft, Hingabe und Hinrichtung. Großes Theater
findet hier überall statt, in jeder Ecke, im hintersten Winkel und auch
auf jedem Zentimeter Bildhaut. Gefühle lodern flammend, schwärmend und
schwelgend, peitschend und zuckend. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
schlägt der Puls, das Fieberthermometer der Emotionen schnellt und fällt
von sehnsüchtig zärtlichen Hitzewallungen bis hinunter in brutal
verletzende Kälteschockgrade.
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