Ernste Spiele Janek Simon, der Gewinner des Preises
für junge polnische Kunst
In seinen technischen
Konstruktionen verbindet er subversiven Humor mit Institutionskritik und
politische Kommentare. Janek Simons eigenwilliges Werk hat die
internationale Jury des Preises für junge polnische Kunst überzeugt.
Diesen Oktober verlieh sie dem Künstler die mit 10.000 Euro dotierte
Auszeichnung, die 2003 von der Deutschen Bank gemeinsam mit der Warschauer
Zacheta Nationalgalerie ins Leben gerufen wurde.
 Janek
Simon, der Gewinner der Preises für junge polnische Kunst
Krieg
auf dem Gebetsteppich: Für seine interaktive Installation Carpet
Invaders (2002) projiziert Janek
Simon einen kaukasischen Teppich aus dem 19. Jahrhundert auf den
Boden. Wie bei einem Computerspiel setzten sich dessen Ornamente in
Bewegung, um ein Ziel zu attackieren. Per Joystick kann der Betrachter in
das Geschehen eingreifen und die feindlichen Objekte abschießen. Hat er
sie alle vernichtet, gelangt er auf ein höheres Level und die
Schnelligkeit der Angriffe steigert sich. Der diesjährige Gewinner des Preises
für junge polnische Kunst zitiert in seiner frühen Arbeit das
legendäre Computerspiel Space
Invaders, dass Ende der Siebziger nicht nur in seinem
Entstehungsland Japan Millionen an die Monitore fesselte. Er verschmilzt
die reduzierte Grafik des Game-Klassikers mit den archaischen Mustern
eines Teppichs, auf dem einst zu Allah gebetet wurde. In dem er ihn in
einen Kriegsschauplatz verwandet, spielt Simon gleichzeitig auf das
spannungsvolle Verhältnis zwischen dem Westen und dem Islam an.
 Janek
Simon, Carpet Invaders, 2002
Computerspiele
waren anfangs ein wichtiger Bezugspunkt für den 1971 in Krakau geborenen
Künstler. Die Videoprojektion Departure // Take-off (2003)
zeigt ein Panorama seiner Heimatstadt, das von gewaltigen Explosionen
erschüttert wird. Wie eine Rakete hebt ein Kirchturm nach dem anderen ab
und verschwindet im Himmel. Zurück bleibt die ihrer wichtigsten
Wahrzeichen beraubte Silhouette von Polens geistiger Hauptstadt. In Total
Chess (2004) fliegen Schachfiguren in die Luft. Der "friedlichste
Sport der Welt" erscheint plötzlich als Kriegsspiel. In Galerien ließ
Simon einen Spielzeug-Mercedes umherfahren oder mit Farbe gefüllte
Skulpturen explodieren, deren Spritzer für dynamische Action Paintings auf
den weißen Wänden sorgt. Solche Arbeiten trugen ihm den Ruf ein,
"Jungenskunst" zu machen. "Meine frühen Arbeiten könnte man vielleicht
wirklich so bezeichnen", erklärt Simon nach der Preisverleihung. "Spiel
erscheint mir als eine passende Metapher für Kunst. Sie ist kreativ, etwas
zerstörerisch und fördert die Wahrnehmung. Inzwischen habe ich mich aber
weiterentwickelt. Meine Arbeit ist jetzt düsterer. Sie gleicht vielleicht
noch immer einem Spiel. Mittlerweile spiele ich allerdings mit ernsten
Spielzeugen."
|
Janek Simon, Chleb krakowski/ Cracow Bread,
2006 und Robot miksujacy Jedynke
z Dwójka/ Robot VJ Mixing
TV Progmam One and Two, 2007, Installationsansicht,
Zacheta Nationalgalerie, Foto S. Madejski
Ein
wichtiger Aspekt seiner Arbeit ist ihr "Do it Yourself"-Charakter. Simon
baut seine Installationen und Objekte stets selbst. "Ich glaube, es ist
wirklich wichtig, auf welche Weise eine Arbeit produziert wird. Dieser
Prozess formt das Ergebnis. Es wäre eine andere Arbeit, wenn ich nur das
Konzept liefern würde und jemand anderes sie realisiert." In Views,
der Schau der Kandidaten für den Preis für junge polnische Kunst, ließ er
in der Warschauer Zacheta
Nationalgalerie insektenartige Wesen durch die Ausstellungsräume
krabbeln. Schlichte Brotlaibe, unter die er schwarze Metallbeine montiert
hat. Wie riesige Käfer bewegten sich zu einem Tisch, auf dem Simon zwei
alte Fernseher, Antennen, Videorecorder und Mischpult arrangiert hatte. Robot
VJ Mixing One and Two (2007) mischt Sendungen zweier Fernsehkanäle zu
einem seltsam verschobenen Bild der TV-Realitäten. Die gesamte
Installation wirkte wie eine Kultstätte, die Simons absurde Low-Tech-Wesen
magisch anzog. Wie Carpet Invaders bezieht sich die Arbeit auf die
– inzwischen völlig veraltete – Technik der achtziger Jahre, die für den
Polen in seiner Jugend ebenso begehrenswert wie unerreichbar erschien. Man
kann die Installation aber auch als kritischen Kommentar zur Manipulation
der Öffentlichkeit durch gleichgeschaltete Fernsehbilder interpretieren.
 Janek
Simon, Chleb krakowski/ Cracow Bread, 2006 und Robot
miksujacy Jedynke z Dwójka/ Robot
VJ Mixing TV Progmam One and Two, 2007, Installationsansicht,
Zacheta Nationalgalerie, Foto S. Madejski
Simons
DIY-Methode birgt natürlich gewisse Risiken. Mögliche Fehlschläge gehören
bei ihm zum Konzept. So hat er auch seine diesjährige Ausstellung Gradient
in der Krakauer Galeria
Bunkier Sztuki dem Thema Scheitern gewidmet. Auf ganz
unterschiedlichen Ebenen – von ganz persönlichen Erlebnissen bis zum
Zusammenbruch politischer Systeme. "Für mich besitzt dieses Thema eine
gewisse Schönheit. Fitzcarraldo
ist deshalb auch mein Lieblingsfilm. Gescheiterte Ideen haben auch eine
Form von Reinheit. Alle erfolgreichen Revolutionen wurden dagegen
korrumpiert. Nur gescheiterte Revolutionen zeichnet diese Schönheit aus,
diese kurze Zeit voller Enthusiasmus und Extase, in der eben noch nichts
korrumpiert ist. Dieses Thema beschäftigt mich sehr."
 Janek,
Simon, Fire at the Fire Brigade Headquarters, Centrum
Sztuki Wspólczesnej Zamek Ujazdowki, Warschau, 2006
[1]
[2]
|