Eine trügerische Landschaft Stan Douglas über
seine Arbeit Nu.tka.
Sie ist eines
der Highlights der Ausstellung True North im Deutsche Guggenheim.
In Stan Douglas' Videoinstallation Nu.tka. verbindet sich die
romantische Vorstellung vom Norden mit einem dunklen Kapitel der
Kolonialgeschichte. Im Interview mit dem Kurator Frank Wager
erläutert der kanadische Künstler seine ebenso komplexe wie ästhetische
Inszenierung.

 Stan
Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996, ©
Stan Douglas
Blassblauer, pastellfarbener
Himmel. Blaue, Nebel verhangene Berge, bewaldete, sanft abfallende Hänge,
die in eine felsige, zerklüftete Küstenlinie auslaufen. Das Bild wirkt wie
eine Schraffur, sanft gefiltert und dabei schwer zu fassen. Stellt sich
das Auge darauf ein, nimmt man wahr, dass es sich tatsächlich um zwei
Bilder handelt, die sich immer wieder in entgegen gesetzter Richtung
ineinander verschieben. Diese künstliche, elektronische Wahrnehmung der
Natur ist in ein Gewirr von Stimmen getaucht, die nur selten zusammen
finden, um dann für kurze Zeit im Gleichmaß zu sprechen. In diesen
Momenten beruhigt sich auch das Bild. Es entsteht eine synthetische
Landschaft - traumhaft schön, distanziert, jungfräulich. Dann verschwimmt
sie wieder, löst sich auf im halluzinatorisch flimmernden Dunst des
Sublimen. Stan Douglas nennt diesen Effekt "an uncanny apparition", eine
unheimliche Erscheinung. Durch die zeitliche Verschiebung wird ein Bild
montiert, das gleichzeitig unterschiedliche Wind- und Gezeitenbewegungen
mischt und so zwei Zeitebenen auf künstliche Weise zusammenschließt.
 Stan
Douglas, Nu.tka. (Installationsansicht), 1996, Courtesy
the artist and David Zwirner Gallery, New York ©
Stan Douglas
Nu.tka, seine bestechend
schöne Videoinstallation, handelt von den ersten Kontakten der
Kolonialmächte Spanien und Großbritannien mit den Ureinwohnern der
heutigen kanadischen Provinz British Columbia im späten 18. Jahrhundert.
Die Handlung geht auf einen politischen Konflikt zwischen den beiden
Kolonialmächten zurück, die mit den an der Westküste des Pazifiks lebenden
Indianern Handel treiben wollten und deren Land jeweils für sich
beanspruchten. Darüber kam es 1789 beinahe zum Krieg. Diese akribisch
recherchierte geschichtliche Konstellation nutzt Stan
Douglas als Grundlage einer fiktiven Handlung, die einige Tage vor dem
14. Juli 1789 spielt - dem Ausbruch der Revolution in Frankreich und dem
Beginn eines neuen Zeitalters.
 Stan
Douglas, Nu.tka. (Videostill), 1996, ©
Stan Douglas
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Die körperlosen, geisterhaften Stimmen, welche den Raum vor
der Landschaftsprojektion ausfüllen, lassen sich zwei historischen
Persönlichkeiten zuordnen: Commodere Estéban
José Martinez, der im Auftrag der spanischen Krone eine Kolonie
an der Nordwestküste Kanadas gründen sollte, und Captain James
Colnett, der unter englischer Flagge den Pelzhandel am Nootka Sound
organisierte. Es kommt zum Konflikt. Martinez hält Colnett als
Kriegsgefangenen fest. Der eingekerkerte Colnett verfällt ins Delirium.
Doch die Situation ist für beide aussichtslos. Denn als die Kunde von der
kriegerischen Auseinandersetzung zwischen England und Spanien die Nu-Cha-Nulth
erreicht, ziehen die Indianer vom Nootka
Sound nach Norden, um den Europäern auszuweichen. Chief Callicum
erklärt Martinez, nachdem Colnett in Kriegsgefangenschaft genommen wird,
dass sein Volk gute Handelsbeziehungen zu England habe und diese nicht auf
Spanien übertragen wolle. In einem anschließenden Handgemenge wird er
versehentlich erschossen. Damit sind die Handelsbeziehungen zunächst
beendet.
 Stan
Douglas, View of Mount Adair from Resolution Cove, aus
der Serie "Nootka Sound", 1966, ©
Stan Douglas
In Douglas' Videoarbeit
projizieren beide Kolonialisten, Martinez und Colnett, ihre Ängste und
Zweifel auf die fremde, abweisende, von den Indianern verlassene Umgebung.
Sie räsonieren gleichzeitig vor sich hin. Gelegentlich jedoch sprechen sie
im Verbund: immer dann, wenn sie Passagen aus Romanen des 16., 18. und 19.
Jahrhunderts zitieren, in denen es um Unheimliches und Unbekanntes geht.
Doch schnell verlieren sie sich wieder in ihren eigenen Gedanken. Die fein
vom Künstler und seinem Mitarbeiter Peter Cummings eingewobenen
literarischen Zitate stammen von Cervantes,
Jonathan Swift,
Captain James
Cook, dem Marquis
de Sade und Edgar
Allan Poe. Seine Beschreibung der Monumentalität des Hauses
Usher gerät so zur Schilderung der Monumentalität der Landschaft der
Neuen Welt.
 Stan
Douglas, Gold River Mill, aus
der Serie "Nootka Sound", 1966, ©
Stan Douglas
Frank Wagner:
Jennifer
Blessing, die Kuratorin von True North im Deutsche
Guggenheim, hat eines Ihrer besonders kanadischen Werke für die
Ausstellung ausgesucht. Sie selbst bezeichnen es als "Canadian Gothic" -
als eine kanadische Schauergeschichte. Es ist eine Erzählung voller
dramatischer Bilder der Nordwestküste.
Stan Douglas:
Mit der Arbeit an diesem Projekt begann ich unmittelbar nach meiner
Rückkehr aus Berlin, wo ich 1994/95 Gast des DAAD
(Deutscher Akademischer Austausch Dienst) war. Ich hatte Heimweh nach dem
Klima und der Atmosphäre von Vancouver und nach meiner Ankunft in British
Columbia wollte ich an einen Ort reisen, der so "westküstenmäßig" wie
möglich war. Auf der Fähre nach Vancouver Island, wo ich Freunde besuchen
wollte, stieß ich auf das 1909 erschienene Buch British Columbia
Coast Names mit einem Bericht über den ersten Kontakt der hiesigen
Ureinwohner mit den Europäern in der Küstenregion Nootka Sound. Ich
beschloss dort hin zu fahren, bevor die Winterregen einsetzen würden.
 Stan
Douglas, Marble Quarry at Hisnit Inlet, aus
der Serie "Nootka Sound", 1966, ©
Stan Douglas
Etwas später packte ich
meine Kamera ein, mietete gemeinsam mit meinem Produktionsleiter und
Co-Author Peter Cummings ein Boston Whaler-Motorboot und wir fuhren damit
von der Stadt Gold River eineinhalb Stunden bis zu der Siedlung Yuquot,
die auch Friendly Cove genannt wird. Die Fahrt durch den Muchalat Channel
verlief gut, doch dort, wo sich der Sund zum Pazifik öffnet, wurde die
Brandung sehr stark. Das hat uns gelehrt, das nächste Mal ein stärkeres
Boot zu nehmen. Wann immer ich jetzt an das Erhabene denke, an die
erhabene Gleichgültigkeit der Natur gegenüber dem menschlichen Willen,
erinnere ich mich an diese Erfahrung. Angesichts der Landschaft fiel mir
sofort auf, dass sie, obwohl sie so entlegen ist, doch viele Spuren einer
langen Geschichte aufweist - von den Ureinwohnern bis hin zu den
europäischen Kolonialmächten und ihren Wirtschaftsansiedelungen.
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