Vielleicht hat die Künstlerin die leise Enttäuschung über
die Alltäglichkeit der Szene bemerkt, die so gar nicht zur Aura der von
ihr gezeichneten Bilder passen möchte. Jedenfalls erklärt sie schnell,
dass sie ihre großformatigen Farbstift-Zeichnungen nicht hier in der
Wohnung produziert, sondern in einem Atelier außerhalb Wiens. Das befände
sich in Rettenegg, einer kleinen Gemeinde in der östlichen Steiermark,
anderthalb Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Doch auch dort, wo sie
sich zu mehrwöchigen, nur durch kurze Wien-Aufenthalte unterbrochene,
intensive Arbeitsphasen in die Räume eines ehemaligen Verwaltungsbaus
zurückzieht, sei es ziemlich unspektakulär. Das Haus sei von einem
gleichmäßigen Fichtenwald umgeben: "Die Bäume stehen wie Soldaten."
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2003 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
Könnte es also
sein, dass Czernin das Ornamentale, das ihre Bilder so sehr dominiert, gar
nicht sonderlich schätzt, sondern eher als Basis eines merkwürdigen
Wahrnehmungsexperiments verwendet, in dessen Verlauf sie ihrem Publikum
die bittere Wahrheit geschickt in einem Zuckerbonbon verpackt unterjubelt?
Die Künstlerin möchte diese Annahme weder bejahen noch verneinen: "Die
ursprüngliche Idee war, dass das, was viele Leute als Verschönerung ihrer
Umwelt betrachten und benutzen, auch eine andere Seite haben kann, dass
man daran auch ersticken kann."
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2003 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
Trotzdem setzt
Czernin nicht auf Schockwirkung, sondern auf subtile Signale: man muss
schon genauer hinschauen, um zu erkennen, in welch angespannten Posen sich
der Körper der dargestellten Frauenfigur mitunter windet oder wie die
Künstlerin die Hände der Unbekannten in einer krampfartigen Geste
erstarren lässt. Es wäre also durchaus ein Missverständnis, würde man die
Bulgarin als Protagonistin einer neuen Wienerischen Retro-Ornamentalistik
verstehen, die sich gegen die ohnehin doch sehr unübersichtlichen
Bildsprachen der Gegenwart wendet.
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2007 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
Vielmehr
steckt Heutiges in den Bildern, in denen Czernin mehrere Dinge mit sehr
zeitgemäßen Mitteln zusammenbringt, ohne die Betrachter extra darauf
hinzuweisen. Im Gegensatz zu den zweidimensional gezeichneten, repetitiven
Mustern, die sie nie selbst erfindet, sondern aus vielfältigen
bildnerischen Quellen schöpft und an ihrem Computer mit Photoshop
für ihre Zwecke weiterverarbeitet, schenkt Czernin ihrem Modell eine
räumliche Tiefe – was zum surrealen Charakter ihrer Bilder beiträgt. So
entstehen merkwürdig undefinierte Räume. Sie erinnern an die goldenen
Zeiten der Videoclipästhetik, in denen ausgiebig mit Bluescreen-Techniken
gearbeitet wurde. Czernins unbewegte Bilder besitzen jedoch eine ungleich
höhere Auflösung.
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2007 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
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Adriana Czernin, Fische, 1998, Sammlung
Deutsche Bank
Sie sind in einer
anachronistischen Geste – Strich für Strich – mit der Hand gemacht.
Deshalb bleibt der Kampf von Raum gegen Fläche stets unentschieden und
fordert wie ein Suchbild zum wiederholten Betrachten auf. Anders als bei
den experimentellen Videos, die Czernin vor einigen Jahren drehte, legt
sie bei ihren Zeichnungen Wert auf eine gewisse Unbestimmtheit, um sie für
verschiedene Ebenen der Betrachtung offen zu halten. Sie möchte es dem
Betrachter überlassen, "mit der Zeit Entdeckungen zu machen und seinen Weg
zu gehen."
Über die mitunter daraus
resultierenden Diskussionen unter Kritikern, ob es sich bei den
Zeichnungen nun eine besondere Form des Selbstportraits handelt, kann sie
nur lachen: "Aus irgendwelchen Gründen haben die Leute es gern, wenn es
ein Selbstportrait ist. Vielleicht glauben sie, einer Person näher zu
kommen. Ich betrachte mich nur als Material, als ein Modell." Wichtiger
als die Ähnlichkeit sei ihr, dass sie alles, was sie tut, ohne großen
Aufwand in ihrem Atelier erledigen kann, um ihre Unabhängigkeit zu
bewahren. Als Vorlagen für die Zeichnungen dienen ihr eigenhändig
hergestellte Fotos von Posen, die sie selbst vor der Kamera eingenommen
hat. Das Modellstehen ist Teil der Arbeit und ein Stück der Erfahrung, die
in das fertige Bild eingeschrieben ist: "So weiß ich einerseits, wie die
Figur ausschauen und andererseits, was sie ausdrücken soll. Wenn ich mich
in eine Position begebe, ist das auch eine körperliche Haltung. Manchmal
ist es sehr anstrengend, auch nur eine halbe Minute in einer bestimmten
verrenkten Position zu verharren."
 Adriana
Czernin, Verhältnisse, 1998, Sammlung
Deutsche Bank
Waren die um das Jahr 2000
entstandenen Bilder von einer überbordenden floralen Ornamentik
gekennzeichnet, so haben sich inzwischen die Muster stärker zu
geometrischen Formen gewandelt. Auch die einstige Farbintensität ist
verschwunden. "In der Überzüchtung der dekorativen Allianz von Blume und
Frau entzünden sich die subversiven Potentiale für eine facettenreiche
Reflexion von Wirklichkeit gesellschaftlicher Existenz und
zivilisationsbedingter Entwicklungen." schrieb die Kritikerin Annelie
Pohlen einst in einem Katalogtext über Czernins Werke. Aus dem Kampf gegen
die Übermacht des Erstickend-Süsslichen, gegen die kulturellen
Zuschreibungen einer angeblichen Nähe der Frau zum "Natürlichen" sei nun
der Versuch geworden, sich dem Gestrüpp der gesellschaftlichen Normen zu
entwinden. Gegen solch feministische Ausdeutung ihrer Arbeiten wehrt sich
Czernin nicht: "Komischerweise hängt das miteinander zusammen, wenn ich
sage, ich weiß am besten, wie es geht und ich kann nicht einfach für ein
Bild zu einem Mann werden. Offensichtlich ist dieser Zusammenhang wichtig."
 Adriana
Czernin, Fische, 1998, Sammlung
Deutsche Bank
Bevor sie selbst in ihrer
Bilderwelt auftauchte, fertigte sie kleinformatige Collagen, in denen sie
die Verhältnisse der einzelnen Bildbestandteile zueinander und zum Raum
des Bildes auslotete. Einige dieser Blätter aus der mehrere hundert
Arbeiten umfassenden Serie fanden schon sehr früh Eingang in die Sammlung
der Deutschen Bank, die sich Ende der Neunziger Jahre in Wien nach
junger Kunst umsah. Damals, so erzählt Czernin beim Betrachten der Bilder,
sei sie gerade dabei gewesen, nach einer neuen Form zu suchen und die
Serie der kleinen Formate abzuschließen. Auch wenn es sich nur um einen
Zufall handelt, so scheint sich die Geschichte gerade erneut zu
wiederholen: 2008 ist Czernin wieder in eine Phase der Neuorientierung
aufgebrochen und die Deutsche Bank erwarb vor kurzer Zeit zwei
großformatige Zeichnungen der Künstlerin.
 Adriana
Czernin, ohne Titel, 2006, Sammlung
Deutsche Bank
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