Ornament und Ohnmacht: Adriana Czernin
 Adriana
Czernin, ohne Titel, 2006, Sammlung Deutsche Bank Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
Frauenfiguren,
die in Fin de siècle-Mustern ertrinken. Adriana Czernins hyperästhetische
Zeichnungen scheinen die Tradition von Klimt und Schiele in die Gegenwart
fortzuschreiben. Dennoch ist die junge Bulgarin keine Protagonistin einer
neuen Retro-Ornamentik. Kito Nedo hat die Künstlerin, die
umfangreich in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in Wien getroffen.
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2003 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
Wer von der
Wiener Kärntner Straße in Richtung des vierten Bezirks läuft, überquert
den Karlsplatz, an dessen Rand sich unversehens das Gebäude
der Wiener Secession mit seiner
markanten, goldblättrigen Kuppel erhebt. Bis heute gibt es im
Untergeschoss des kunstvollen Bauwerks, das für sein avanciertes
zeitgenössisches Ausstellungsprogramm bekannt ist, den historischen Beethovenfries
Gustav
Klimts aus dem Jahr 1902 zu bestaunen. Noch immer fasziniert die
Mischung aus schwülen Erotismen, fließenden Formen, Morbidität und
Wahnsinn – entstanden auf dem Höhepunkt der "Wiener
Moderne", als die alte Residenzstadt für kurze Zeit zu den
künstlerisch und intellektuell einflussreichsten Metropolen Europas
zählte. Benommen vertiefen sich selbst diejenigen in die ruinösen
Bildzeichen des vergangenen Zeitgeistes über ihren Köpfen, die sich
bislang für immun gegen Pathos und Goldrand-Ästhetik des Wiener
Jugendstils hielten.
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2004 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
Ein paar
Schritte weiter, in der Nähe der brutalistischen Beton-Architektur der Technischen
Universität, befindet sich die Wohnung der Künstlerin Adriana
Czernin. Diese Gegend, das so genannte Freihausviertel in der Nähe des
berühmten Naschmarkts, ist geprägt von riesigen Gründerzeithäusern,
Galerien, kleinen Läden und Frühstückscafés, in denen sich noch am frühen
Nachmittag junge schöne Menschen räkeln, gelangweilt in Modemagazinen
blättern und insgeheim von glamouröseren Metropolen träumen.
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Vielleicht liegt es auch am neblig-klammen Januarwetter,
dass diese Straßenzüge nicht pittoresk wirken? Sie erinnern eher an andere
etwas angeschlagene Städte mit glorreicher Vergangenheit wie Budapest oder
Sofia.
 Adriana
Czernin, Ohne Titel, 2005
Courtesy Galerie Martin Janda, Wien
Auch Czernin, 1969 in der bulgarischen Hauptstadt
geboren und seit Anfang der Neunziger Jahre in Wien lebend, entspricht
beim Treffen dann überhaupt nicht dem Bild, das man sich vor dem
Wienbesuch in der Phantasie zurechtgelegt hatte. Beim Betrachten des vorab
zugesandten Katalogs mit seinen rätselhaften Szenen, in denen eine
Frauengestalt mit regungslosen Gesichtszügen immer wieder einen stummen,
aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht des Ornaments auszufechten
scheint, imaginierte man eine ebenso verschwiegene Künstlerin mit bleichem
Teint. Vielleicht sogar in floral gemusterten, reformkleidartigen
Gewändern, die einen mit exzentrischer Geste inmitten historischer Möbel
der Wiener Werkstätten empfängt. Eine coole Erbin der großen Wiener
Künstler-Triade, von Klimt, Kokoschka
und Schiele.
Vielleicht sogar jemanden, mit dem man noch oder wieder über den
verbrecherischen Charakter des Ornaments streiten könnte, wie ihn der
Architekt Adolf Loos
vor fast einhundert Jahren hier in der Stadt bei öffentlichen Vorträgen
publikumswirksam anprangert hat?
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Adriana Czernin, Lilien, 1999, Sammlung
Deutsche Bank
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Doch nichts dergleichen. Adriana Czernin ist eine zierliche
junge Frau mit kurz geschnittenem Haar und einer selbstbewussten
Ausstrahlung. Sie trägt Jeans, T-Shirt und eine schlichte blaue
Strickjacke. Auch der Raum in ihrer weitläufigen Wohnung, in dem das
Gespräch stattfindet, erweist sich als schnörkellos und karg möbliert: ein
Tisch, ein paar Designmöbel, eine kleine Kommode, sonst nichts. In den
Lärm, der durch das kurz geöffnete Fenster von der Straße heraufkommt,
mischt sich das Rattern einer Waschmaschine, die sich in den Schleudergang
schraubt. Kein Bild schmückt die kahlen Wände. Das einzige dekorative
Zeichen hier ist das Balkenkreuz auf Czernins T-Shirt: ohne ornamentale
Qualitäten und sehr direkt.
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Adriana Czernin, Ohne Titel, 2006 Courtesy
Galerie Martin Janda, Wien
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