"Ich bin fast durch mit Warhol" Ein
Interview mit Gavin Turk
Yves
Klein, Piero Manzoni, Marcel Broodthaers und immer wieder Andy Warhol –
kein Held der Moderne ist vor Gavin Turk sicher. Mit lakonischem Witz
eignet sich der Young British Artists-Star Kunstwerke seiner Vorbilder an,
um so mythisch besetzte Begriffe wie "Künstler" oder "Authentizität"
radikal in Frage zu stellen. Ossian Ward hat Gavin Turk in seinem
geschäftigen Studio in einem East Londoner Lagerhaus getroffen.
 Gavin
Turk,Cave 1991-97, © the artist Courtesy
Jay Jopling/ White Cube (London)
Die
Gavin-Turk-Legende beginnt immer mit der Arbeit, die er 1991 zu seiner
Abschlussschau an der Kunsthochschule einreichte: Cave – nichts
anderes als einer jener blauen "English Heritage"-Plaketten, mit denen die
staatliche Denkmalschutzorganisation an Häuserfassaden auf berühmte
historische Personen verweist. Voraussetzung für diese Ehre: man muss
mindestens zwanzig Jahre tot sein. "Hier arbeitete der Bildhauer Gavin
Turk von 1989 - 1991" war auf der kleinen runden Tafel zu lesen, die
verloren an der sonst leeren Studiowand hing. Als erstem Studenten des Royal
College of Art wurde ihm daraufhin wegen mangelndem künstlerischen
Fortschrittes während des Studiums der Abschluss verweigert. Natürlich
machte Turk trotzdem Karriere und dieser lakonische, geistreiche Stil ist
seitdem zu seinem Markenzeichen geworden.
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Gavin Turk, Bagotropic, 2006 Sammlung
Deutsche Bank, Courtesy
Galerie Krinzinger, Wien
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Er ist fasziniert von Objekten, die andere übersehen, wie
zerdrückte Plastikbecher oder Mülltüten etwa, die er in Bronze verewigt.
Dieses Motiv findet sich auch auf zwei Papierarbeiten, die auf der letzten Frieze
Art Fair für die Sammlung
Deutsche Bank erworben wurden. Zugleich setzt er sich mit seiner
eigenen, schwer zu fassenden Identität auseinander.
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Gavin Turk, Pop, 1993 ©
the artist Foto: Hugo
Glendinning courtesy Jay
Jopling/ White Cube (London)
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Seine markante Signatur prangt auf Kleiderschildchen,
Überwachungsspiegeln, Keksen, Eiern, aber auch auf ganz traditionellen
Medien wie Gemälden oder Skulpturen. Nicht etwa als Zeichen der
Authentizität oder des Wertes, sondern als Logo – der Künstler als
Markenprodukt. Auch Turks Antlitz erscheint in seinen Werken, auf
Fotoarbeiten, lebensgroßen Wachsfiguren, miniaturisierten und dem Oscar
nachgebildeten Kunstpreisen oder gleich auf einer ganzen Truppe
Marionetten.
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Gavin Turk, Pink Beuys (Nappy Pin),
2005 Courtesy Galerie
Krinzinger, Wien
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Ganz absichtlich lässt er diese Selbstporträts mit Images
seiner künstlerischen Heroen von Duchamp,
Beuys, Warhol
bis hin zu Sid Vicious
von den Sex Pistols
verschmelzen. Die Unmöglichkeit, das wahre Wesen des Künstlers in einem
Werk zu fassen, erkundet er auch in seiner aktuellen Serie von Piss
Paintings. Sie basieren auf Warhols Oxidation
Paintings, die wiederum als Antwort auf Jackson Pollock
entstanden. Der Drip Painter pflegte auf seine Bilder zu pinkeln, wenn sie
für einen Galeristen bestimmt waren, den er nicht mochte.
 Gavin
Turk, Study for unorignal Signature, 1996 Sammlung
Deutsche Bank
Ossian Ward:
Wie hat sich der Arbeitsprozess bei den Piss Paintings entwickelt?
Gavin
Turk: Eigentlich nur durchs Ausprobieren. Die Bilder verändern sich
die ganze Zeit. Anfangs sind sie ganz samtig, später beginnen sie dann
auszuhärten, sind aber immer noch etwas feucht. In fast allen Büchern, die
Warhols Oxidation Paintings erwähnen, steht, dass sie aus "mixed
media" bestehen. Ich füge noch Ammoniumchlorid hinzu, damit eine Patina
entsteht. Diese Chemikalie ist nicht nur der Hauptbestandteil von Urin,
sie reagiert auch mit dem Kupfer, wodurch die blaue Farbe an der
Bildoberfläche entsteht.
 Gavin
Turk, Piss Painting, 2007, Courtesy
the artist
Weshalb haben Sie überhaupt
angefangen, auf Bilder zu pinkeln?
Ich arbeitete gerade an
meinen Selbstporträts als Andy Warhol – im charakteristischen Look mit
dieser schrecklichen Perücke – für die Ausstellung Me
as Him in der Riflemaker
Gallery. Dort sollte ich auch etwas zum Veranstaltungsprogramm
beisteuern, das dort Montag nachts stattfindet. Ich wollte die Besucher an
einem Prozess beteiligen und nicht jemanden aus Warhols Factory
seine Gedichte vortragen lassen. So war mein erster Gedanke, dort einen
See aus Siebdruckfarbe zu installieren. Die Leute würden hereinkommen, die
giftigen Schwaden nebeln sie ein, ihnen wird etwas übel und das ist dann
ihre Montagnacht gewesen. Ich kenne das vom Graffiti-Sprayen. Wenn du ein
großes Bild auf eine Mauer sprühst, dann macht dich die Farbe ziemlich
high. Die Leute hätten also die Bilder gesehen und dabei diesen Geruch in
der Nase gehabt. Daraus hätte sich eine andere Attitüde oder Art der
Wahrnehmung ergeben.
Dann hatte ich aber eine neue Idee, um diese
andere Dimension für die Veranstaltung zu kreieren. Also haben wir ein
paar Leinwände, die so groß waren wie die Selbstporträts, mit Bronze- und
Kupferfarbe bestrichen und sie in der Galerie ausgebreitet. Nachdem die
Besucher ein paar Biere getrunken hatten, durften sie darauf pinkeln –
eine Art aktionistische Performance. Es ist sehr komisch, dass Krinzinger,
meine Galerie in Österreich, die auch Hermann
Nitsch vertritt, diese Arbeiten Ende Februar in Wien zeigen wird. Auf
einmal werden sie Teil der ganzen abstrakten, gestischen Kunst Europas,
stehen in der Tradition der Auseinandersetzung mit körperlichen
Ausscheidungen und der "Abject Art".
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