Premiere in Moskau Die ersten Gewinner des Kandinsky
Prize
Die russische Hauptstadt hat
sich zu einem boomenden Kunstzentrum entwickelt. Immer mehr neue Galerien
zeigen aktuelle Positionen, Veranstaltungen wie die Moskau Biennale lenken
die internationale Aufmerksamkeit auf die vitale russische Szene. Die
Deutsche Bank engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren in Russland –
mit Präsentationen ihrer Sammlung, Ausstellungsförderungen und jetzt auch
mit dem höchstdotierten Kunstpreis des Landes. Achim Drucks
stellt die ersten Gewinner des Kandinsky Prize vor.
 Erste
Verleihung des Kandinsky Prize im Winzavod
Center of Contemporary Art, Moskau
Die erste
Verleihung des Kandinsky
Prize war auch ein Statement für die Freiheit der Kunst. Als die
Zeremonie im Moskauer Winzavod Center
of Contemporary Art gerade beginnen sollte, stürmten plötzlich zwei
uniformierte Polizisten die Bühne. Leidenschaftlich umarmten und küssten
sie sich, was das Publikum mit heftigem Beifall quittierte. So
demonstrierten Veranstalter und Gäste, wichtige Vertreter aus Kultur und
Wirtschaft, ihre Solidarität mit dem Künstlerduo Blue
Noses. Deren Fotografie Era of Mercy (2005) durfte auf
Veranlassung des russischen Kultusministers Alexander Sokolov nicht in
einer Pariser Ausstellung gezeigt werden, obwohl das provokante Bild –
zwei knutschende Polizisten in einem sibirischen Birkenhain – zuvor
unbehelligt in der staatlichen Tretjakow-Galerie
in Moskau zu sehen war. Nach der überraschenden Aktion betraten dann die
beiden Blue Noses, Sasha
Shaburov und Slava Mizin, selbst die Bühne, um durch die
Preisverleihung zu führen. Zu Ehren des Namensgebers fand sie am 4.
Dezember statt, dem Geburtstag von Wassily
Kandinsky.
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Ausgezeichnet als Künstler des
Jahres: Anatoly Osmolovsky Foto:
© ArtChronika Foundation
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Mit seiner abstrakten Malerei schlug der Kunstrevolutionär
eine Brücke zwischen russischer und europäischer Avantgarde. In diesem
Sinne will auch der Kandinsky Prize die internationale Beachtung für
zeitgenössische Kunst aus Russland weiter stärken. Deshalb stellt das
gemeinsam von der Deutsche
Bank Stiftung und Russlands führendem Kunstmagazin ArtChronika
initiierte Projekt die Nominierten nicht nur in Moskau vor. Ihre Arbeiten
sind dieses Jahr auch in Deutschland und den Vereinigten Staaten zu sehen.
 Anatoly
Osmolovsky, aus der Serie Goods, 2007, ©
Artchronika
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AES+F (Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich,
Evgeny Svyatsky + Vladimir
Fridkes), Last Riot, 2007, Videostill Courtesy
of the Multimedia Art Centre, Triumph Gallery
Für
die Verleihung des mit 40.000 Euro dotierten Hauptpreises betrat dann auch
mit Thomas Krens
einer der einflussreichsten Akteure der internationalen Kunstszene das
Podium. Der Direktor der Solomon
R. Guggenheim Stiftung zeichnete Anatoly
Osmolovsky für seine Serie Goods als "Künstler des Jahres"
aus. Der Moskauer setzte sich gegen eine starke Konkurrenz durch. Etwa Yuri
Avvakumov, dessen Skulpturen die utopischen Entwürfen der russischen
Architekten der 1910er und 20er Jahre zitieren, oder Alexander
Vinogradov und Vladimir Dubossarksky, die auf wandfüllenden Pamoramen
Ikonen der russischen Kunst samplen – von Alexander Deinekas
abgeschossenem Piloten bis zu Malevichs schwarzem Quadrat. Sogar die
Künstlergruppe AES+F, deren
hyperästhetisches Video-Tryptichon Last Riot auf der letzten
Venedig Biennale für Furore
gesorgt hatte, musste sich Osmolovsky geschlagen geben.
Schon
lange ist der 1969 geborene Künstler, Theoretiker und Kurator in der
Moskauer Szene aktiv. Seine Karriere startete in den wilden Jahren nach
der Perestroika, in
denen sich die Situation für die russischen Künstler zunehmend
verbesserte. Zwar waren die sogenannten Nonkonformisten schon vorher
abseits staatlicher Institutionen aktiv, organisierten Ausstellungen in
Privatwohnungen und Ateliers. Doch viele wichtige Vertreter wie Ilya
Kabakov oder Vadim
Zakharov gingen irgendwann in den Westen.
 Anatoly
Osmolovsky bei einer Performance auf
dem Majakowski-Denkmal, 1993, ©
Courtesy Trilistnik Verlag, Moskau
Osmolovsky
dagegen nutzte die neue Freiheit für anarchistische Performances. So
erklomm er 1993 das monumentale Majakowski-Denkmal.
Der Dichter galt zunächst als Symbolfigur der Avantgarde, ließ sich dann
aber vom Sowjetregime vereinnahmen. Mit seinem waghalsigen Unternehmen
wollte ihn Osmolovsky wieder in den Kreis der progressiven Künstler
zurückholen. 2001 hat er sich allerdings von derart spektakulären Aktionen
verabschiedet. Inzwischen steht die Auseinandersetzung mit dem Thema
Abstraktion im Zentrum seiner Arbeit. So auch bei der Serie Goods,
mit der er auch auf der documenta
12 vertreten war. Diese elf Bronzeskulpturen basieren auf
Geschütztürmen von Panzern.
 Anatoly
Osmolovsky, Bread, Installationsansicht documenta 12, 2007, ©
Artchronika
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