"Ich war immer dort, wo es aufregend war" Ein
Interview mit Rainer Fetting
 Rainer
Fetting, New York Painter, 1983, Courtesy
Galerie Deschler, Berlin, ©Rainer
Fetting/V.G. Bild-Kunst
Er brachte van
Gogh nach West-Berlin: Auf Rainer
Fettings frühen Bildern drückt sich der Meister unter der Hochbahn rum
und lauert an der Mauer. Die Intensität, mit der der Holländer malte und
lebte, beeindruckte den jungen deutschen Künstler. Fettings Stadtbilder
und Landschaften, seine männlichen Akte und Porträts besitzen ein Glühen,
das sich von der grauen Tristesse des Achtziger-Jahre-Berlins und der
Strenge der Mauerstadt-Kunst abhob. In der Sammlung
Deutsche Bank ist der Künstler mit zahlreichen Arbeiten aus den
achtziger und neunziger Jahren vertreten. So auch mit Girl und Vogel.
Diese Papierarbeit lieferte das Covermotiv des Bildbands Zeitgenössische
Kunst in der Deutschen Bank, der 1989 die Kunstausstattung der
Frankfurter Zwilligstürme dokumentierte. Fettings Temperazeichnung mit
ihren strahlenden Farbe zeigt eine Art Dialogsituation und wurde zum fast
emblematischen Bild für das Konzept "Kunst
am Arbeitsplatz", das den Mitarbeitern der Bank die unmittelbare
Begenung mit Werken der Unternehmenssammlung ermöglicht.
 Porträt
Rainer Fetting 1983 Foto Rolf
von Bergmann ©Rainer Fetting
Bekannt wird der 1949 in Wilhelmshaven geborene Maler mit einem Kreis von
Kollegen, die 1977 gemeinsam die Künstlergalerie am Moritzplatz
gründen und bald unter den Namen "Moritzboys" firmieren. Rainer Fetting
wird ihr Star. Zu Beginn der Achtziger sind seine Gemälde in wichtigen
Ausstellungen wie A
New Spirit in Painting in der Londoner Royal Academy oder Zeitgeist
im Martin
Gropius Bau Berlin zu sehen, er stellt bei Top-Galerien wie Bruno
Bischofberger, Mary Boone
und Anthony d'Offay aus. Zusammen mit
der Band Geile
Tiere, zu der die "Moritzboys" Salomé
und Luciano Castelli
gehören, gibt Fetting 1983 im Centre
Pompidou in Paris eine Reihe von Performance-Konzerten.1983 geht der
Künstler nach New York; hier entstehen erste Materialbilder und
Skulpturen. Nach dem Fall der Mauer zieht es ihn zurück nach Berlin. .
 Rainer
Fetting, Taxis (City Canyon), 1992, Sammlung
Deutsche Bank
War es um Rainer Fetting in
den vergangen Jahren etwas ruhiger, wird er gerade wiederentdeckt und
seine Gemälde sind auf Auktionen sehr gefragt. Rainer Fettings Karriere
ist geprägt von Brüchen, Wendungen und Zerwürfnissen - seinen
künstlerischen Interessen und Vorlieben ist er trotz dieser Turbulenzen
treu geblieben. Daniel Völzke traf den Maler an einem
stürmischen Tag in seiner riesigen Atelier-Wohnung im südlichen Kreuzberg
- am Südstern, einem Platz, den Rainer Fetting schon früh gemalt hat. Und
auch der Moritzplatz ist nicht weit.
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Rainer Fetting, Girl and Vogel, 1982, Sammlung
Deutsche Bank
Daniel Völzke: Herr
Fetting, die 80er Jahre haben wie keine andere Dekade unser Jahrzehnt
beeinflusst, in der Musik, der Kunst, der Mode. Es muss eine tolle Zeit
gewesen sein, und Sie waren mittendrin.
Rainer Fetting: Ich
denke, vieles war eher nicht so toll, besonders in der Kunstszene. Vieles
war zu toll, als dass ich es hätte toll finden können. Außerhalb des
Kunstbetriebs gab es aber wirklich gute Sachen, die Musikszene etwa, die
uns Maler begeisterte.
"Uns Maler"? Sie meinen die "Moritzboys"?
Gemeinsam haben Sie am West-Berliner Moritzplatz ausgestellt.
Genau.
Bernd
Zimmer, Helmut
Middendorf, Salomé
und ich. Später kam Luciano
Castelli dazu. Musik war ein wichtiger Einfluss.
New Wave?
Ich
bevorzugte Jimi Hendrix
und die Rolling Stones.
Hendrix
haben Sie dann auch gemalt. Solche Musik war ja eher verpönt, oder?
Das
galt als Mainstream. Ich hingegen fand New Wave fade und zu kalt. Mir
missfiel dort das gleiche wie in der Kunstszene: diese Trockenheit, die
ich auch an der Minimal Art nicht mochte, und das Konzeptlastige. So etwas
ödete uns an. Ich sage immer "uns", doch eigentlich hatte jeder eigene
Vorlieben und Intentionen. Dadurch unterscheiden sich auch unsere Arbeiten
völlig voneinander. Nur von außen wird das als eine Sauce gesehen.
 Porträt
Rainer Fetting am Palast der Republik, Berlin 2005 ©Rainer
Fetting / Galerie Deschler, Berlin
Sie waren die "Neuen Wilden", wie es hieß.
Solche
Bezeichnungen ärgern mich, weil dieser Begriff von entsprechender Seite
benutzt wird, um zu diffamieren. Ich finde es schade, dass man sich nicht
stattdessen mit den Arbeiten beschäftigt und jeden Künstler individuell
behandelt.
Haben Sie sich nicht gegenseitig beeinflusst in
diesem Freundeskreis?
Die Galerie am Moritzplatz entstand
sozusagen als Selbsthilfeprojekt. Voraussetzung war aber natürlich, dass
wir ähnliche Interessen und Vorlieben hatten. Daraus leitet sich auch
gegenseitiger Einfluss und Ansporn ab.
Sie wurden auch deshalb
als Gruppe wahrgenommen, weil die Farbigkeit Ihrer Bilder sich von der
damaligen Kunst absetzte?
Damals herrschte das monotone Grau
vor oder die Verkrüppelung der Verkrüppelung, und es hieß "Rot darf man
erst im Alter benutzen" oder ähnliches. Gegen solche Auffassungen und
Haltungen haben wir eine andere gesetzt.
 Rainer
Fetting, Doppelportrait, 1990, Sammlung
Deutsche Bank
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