Barbara Kruger: PLENTY SHOULD BE ENOUGH
Ihre unverwechselbaren Collagen aus Bild und Text
prägten das visuelle Erscheinungsbild der achtziger Jahre. Mit einer
wichtigen Arbeit aus dieser Dekade ist Barbara Kruger auch in der Sammlung
Deutsche Bank vertreten. Dass ihre Auseinandersetzung mit Sexismus,
Konsumterror und gesellschaftlichen Machtstrukturen nichts von ihrer
Aktualität eingebüßt hat, zeigt Krugers neue Videoinstallation am Sunset
Boulevard in Los Angeles. Oliver Koerner von Gustorf über die
US-Künstlerin, deren Slogans wie "I shop therefore I am" längst fester
Bestandteil des kollektiven Bewusstseins sind.
 Barbara
Kruger, Plenty, 2008, Installationsansicht, Sunset
Boulevard, Los Angeles, Projekt für Women in the City Foto:
Fredrik Nilsen, courtesy West of Rome
DANK
YOGA, JOGURT, LEBENSBERATERN, KUNST, ASHRAMS, PHILANTROPIE, GRUNDBESITZ,
HAUSTIEREN, SHOPPING UND ENTZUG HAST DU FRIEDEN GEFUNDEN. Wer in diesen
Frühlingstagen durch LA fährt, hat vielleicht dieses kapitalistische
Mantra bemerkt, das sich unauffällig in die urbane Landschaft aus
Plakatwänden, LED-Tafeln, Logos und Leuchtreklamen einfügt. Plenty,
also Überfluss, ist der Titel von Barbara
Krugers aktueller Videoinstallation, die auf im Stadtraum verteilten
Video-Großbildwänden zu sehen ist: auf dem Obergeschoss des Los
Angeles County Museum of Art und zwei elektronischen Billboards am
Sunset Boulevard, die zugleich für ganz reguläre Werbung gebucht sind.
Krugers im Sekundentakt aufflackernde Videobilder sehen aus wie Fragmente
aus Dauerwerbesendungen, in denen Unterhaltungselektronik und No-Name
Produkte verkauft werden. Vor türkisem Hintergrund prangt eine protzige
Silberuhr mit falschen Edelsteinen. Turnschuhe und Strassbroschen werden
auf Drehscheiben vorgeführt. Im Close-Up sieht man die Gesichter lachender
und telefonierender Menschen. Als wäre das Leben ein einziger, endloser
Flatrate-Tarif, werden diese Sequenzen von Satzfragmenten unterbrochen:
HANG UP AND DRIVE - LEG AUF UND FAHR. PLENTY SHOULD BE ENOUGH - MEHR ALS
GENUG SOLLTE REICHEN.
 Barbara
Kruger, Plenty, 2008, Video Still, Sunset
Boulevard, Projekt für Women in the City Courtesy
West of Rome
Women
in the City heißt das Projekt, in dessen
Rahmen diese Arbeit zu sehen ist und für das die Mailänder Galeristin Emi
Fontana als Kuratorin der Non-Profit Organisation West
of Rome neben Barbara Kruger drei weitere prominente US-Künstlerinnen
eingeladen hat, die Innenstadt von Los Angeles zu bespielen: Jenny
Holzer, Louise
Lawler und Cindy
Sherman. Alle repräsentieren die erste Generation feministischer
Künstlerinnen, die Anfang der achtziger Jahre nicht nur den
männerdominierten Kunstbetrieb, sondern, wie Holzer und Kruger, auch die
Straßen in westlichen Großstädten eroberten, auf denen damals vehement für
die Rechte von Frauen, sexuellen, ethnischen und sozialen Minderheiten
gekämpft wurde. Sie hoffe, dass Woman in the City "eine neue
Generation daran erinnern wird, dass die Beziehungen zwischen den
Geschlechtern nicht immer so waren wie heute", äußerte Emi Fontana in der LA
Times: "Sich nicht mit dem Feminismus zu beschäftigen, ist für
mich, als würde man sich nicht mit Geschichte auseinandersetzen. Ich finde
ein guter Künstler sollte sich immer mit Geschichte beschäftigen."
 Barbara
Kruger, Plenty, 2008, Video Still, Sunset
Boulevard, Projekt für Women in the City Courtesy
West of Rome
Fontana steht mit dieser Ansicht
nicht alleine da. Im Sommer 2007 war hier in Los Angeles im Museum of
Contemporary Arts mit Wack!
– Art and the Feminist Revolution eine gefeierte
Überblicksschau feministischer Kunst der sechziger und siebziger Jahre zu
sehen. Women in the City führt diese aktuelle Aufarbeitung fort und
widmet sich bedeutenden Positionen des Post-Feminismus, die in den
Achtzigern Zeichen setzten. Dabei bewegt sich das Projekt zwischen
Retrospektive und Neubewertung. Das Experiment, Jenny Holzers Textarbeiten
aus den Siebzigern und Achtzigern, wie etwa ihre Truisms in
Posterform in den Stadtraum von LA zu implantieren, oder Cindy Shermans
legendäre Untitled Film Stills auf riesige Plakatwände zu
tapezieren, ist zugleich eine Huldigung wie auch ein Test. Denn längst
sind die visuellen Strategien dieser Künstlerinnen in den Fundus der
Massenmedien eingeflossen. Wie Barbara Krugers Plenty sind sie in
der kommerzialisierten, urbanen Landschaft nicht unmittelbar als Kunst zu
erkennen. "Dieser Aspekt interessiert mich" sagt Emi Fontana. "Das ist wie
ein etwas perverses Vergnügen, einer Stadt, die von Zeichen überflutet
ist, noch mehr hinzuzufügen."
 Barbara
Kruger, Plenty, 2008, Installationsansicht, Sunset
Boulevard, Los Angeles, Projekt für Women in the City Foto:
Fredrik Nilsen, courtesy West of Rome
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Barbara Kruger, Untitled (We
are all that heaven allows), 1984 Sammlung
Deutsche Bank
Und genau das macht Barbara
Kruger seit den späten Siebzigern. Sie wollte, dass ihre Botschaften in
den Konsum- und Warenkreislauf, in den "Marktplatz" eindringen, erläuterte
sie 1999, "weil ich begann zu begreifen, dass nichts außerhalb des Marktes
existiert – nicht die kleinste Fussel, kein Pullover, kein Couchtisch,
kein Mensch." Die Sprache des Marktes erlernt sie bereits Jahrzehnte zuvor
in der Medienindustrie. Nach dem Abschluss an der New
Yorker Parsons School of Design, wo Kruger als Kommilitonin von Diane
Arbus bei Marvin
Israel studiert, beginnt sie ihre Karriere Ende der Sechziger bei Condé
Nast. Als künstlerischer Leiter von Harper's
Bazaar hatte Israel bereits Fotografen wie Lisette
Model oder Richard Avedon
zum Verlag geholt und macht auch Kruger mit der Szene bekannt. Zunächst
arbeitet sie als Grafikerin für Mademoiselle
oder Harper's Bazaar, dann wird sie Bildredakteurin und
Art-Direktorin für House
and Garden und das einflussreiche Fotomagazin Aperture.
Krugers
frühe künstlerische Arbeiten, die 1969 entstehen, sind noch ganz von der
damaligen feministischen Neubewertung von mit traditionellen "weiblichen"
Attributen besetztem Kunsthandwerk geprägt. Es sind bestickte, gewobene
Wandbehänge, in die Federn und Perlen eingearbeitet sind. Obwohl sie 1973
an der Whitney Biennale
teilnimmt und erste Einzelausstellungen in New York hat, werden ihre Werke
nicht dem eigenen Anspruch gerecht, aktiv soziale und politische Diskurse
mitzugestalten. Erst nachdem sie sich während ihrer Lehrtätigkeit in
Berkeley intensiv mit dem essayistischen Werk von Walter
Benjamin und dem Semiotiker Roland
Barthes auseinandersetzt und 1976 mit Collagen aus Text und
Schwarz-Weiß-Fotografien zu arbeiten beginnt, bildet sich der Grundstock
für jenes visuelle Vokabular, das nur wenige Jahre später zum
künstlerischen Durchbruch führen wird.
 Barbara
Kruger, Untitled (Money makes
Money), 2001 © Barbara Kruger
Courtesy: Monika Sprüth Philomene Magers, Köln,
München, London
Seit Beginn der
achtziger Jahre arbeitet Kruger mit ihren Markenzeichen, der Futura-Bold-Italic-Schrift,
die sie mit vorgefundenen Images aus Büchern, Film Stills, Werbeanzeigen
kombiniert. Kruger kontrastiert ihr Material in hartem Weiß, Rot und
Schwarz. Sie kreiert einen modernen Agitprop-Stil,
der zwar an die dadaistischen Montagen von John
Heartfield oder die rohe Bildsprache von Punk-Fanzines erinnert, aber
zugleich die verführerische Glätte zeitgenössischer Werbekampagnen
suggeriert. "Ich versuche, mich mit den komplexen Zusammenhängen von Macht
und Gesellschaft auseinanderzusetzen, doch was die visuelle Präsentation
betrifft, bemühe ich mich absichtlich, einen hohen Schwierigkeitsgrad zu
vermeiden. Ich möchte, dass die Leute ins Werk hineingesogen werden.",
erklärt sie 1997 im Kunstmagazin Art
in America. Und so erscheint auch ihre 1984 entstandene Arbeit in
der Sammlung Deutsche
Bank den Blick geradewegs in einen kaleidoskopischen Strudel zu
ziehen. Eine mädchenhafte Ballerina vollführt ihre Pirouetten in einer
Mondlandschaft, während über ihren graziös gestreckten Händen eine Art
kosmische Sonnenspirale wirbelt. Die in regelmäßigem Abstand
positionierten Wortbalken am Rand des Bildes formen den Satz "We are all
that heaven allows" – Wir sind alles was der Himmel erlaubt.
 Barbara
Kruger, Untitled (This is you), 1986 ©
Barbara Kruger Courtesy: Monika
Sprüth Philomene Magers, Köln, München, London
Dass
dieser Titel an eines der berühmtesten Hollywood-Melodramen der fünfziger
Jahre, All that heaven
allows, erinnert, erscheint nicht zufällig. Denn in Douglas
Sirks Film, in dem Jane Wyman
eine Witwe spielt, die sich in ihren viel jüngeren, von Rock
Hudson verkörperten Gärtner verliebt, steht eine Frau im Mittelpunkt,
die in Konventionen und gesellschaftlichen Moralvorstellungen gefangen
ist. Zugleich verkörpern solche Technicolor-Dramen den repressiven Muff
dieser Zeit, in der patriarchalische Machtverhältnisse nicht angetastet
wurden und jedes noch so geringe sexuelle oder soziale Abweichen von der
Norm nur in zaghaft angedeuteten und verklemmt-verschlüsselten Szenen
thematisiert werden konnte.
 Barbara
Kruger, Untitled (Super rich/Ultra gorgeous/Extra skinny/Forever young),
1997 © Barbara Kruger Courtesy:
Monika Sprüth Philomene Magers, Köln, München, London
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