In dem Projekt Tim Rollins and K.O.S. verbinden sich viele
Einflüsse, die die Kunstszene der späten siebziger und der achtziger Jahre
geprägt haben. Holly Block kuratierte 1985 die erste Einzelausstellung von
K.O.S. am Hostos Community College in der Bronx. Mittlerweile ist sie
Executive Director des Bronx Museums.
Das 1971 gegründete Museum wurde erst kürzlich von Grund auf renoviert.
Dies geschah im Rahmen eines groß angelegten Projekts, mit dem die Bronx
wiederbelebt wird. Hierdurch wird auch der Wandel dieses Stadtteils
sichtbar: vom Problembezirk, zum Viertel der sowohl für die lokale
Bevölkerung als auch für die Kunstszene attraktiver wird. Das spiegelt
sich auch im Verlauf der Karrieren von Rollins und Block wieder.
 Tim
Rollins and K.O.S. Animal Farm
'92 (after George Orwell), 1992 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
 Im
Atelier von Tim Rollins and K.O.S Foto
courtesy Cheryl Kaplan. Cheryl Kaplan, 2008. All
rights reserved.
Schon früh erregte Rollins
Projekt in der South Bronx die Aufmerksamkeit der jungen Kuratorin: "Tim
arbeitete zwar in der South Bronx, hatte dort aber noch nie ausgestellt.
Damals, 1977, hatte der umstrittene Sportreporter Howard
Cosell gerade während der Übertragung eines Baseball-Spiels aus dem
Yankee Stadium zu den Bildern einer Helikopterkamera live verkündet "Die
Bronx steht in Flammen". Tim Rollins and K.O.S. stellten dann Bilder aus,
die sie auf die Steine und den Schutt der abgebrannten Häuser gemalt
hatten. Tims Arbeit war immens wichtig. Und noch immer setzt er sich mit
den sozialen Ungerechtigkeiten in der South Bronx auseinander. Unser
Jugendprojekt Teen Counsil macht gerade einen Film über ihn. Und
die K.O.S. Serie Malcolm X ist Bestandteil der Museumssammlung.”
 Tim
Rollins and K.O.S., By Any Means
Necessary (after Malcom X), 2007 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Private collection. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich
Ihre
erste große Galerieausstellung hatte die Gruppe 1986 bei Jay Gorney
Modern. "Bei Tim Rollins and K.O.s. vereinigen sich Kunst, soziale und
kritische Theorie und soziale Aktion", erläutert Gorney. "Ihr Werk ist
heute so bedeutend wie damals." Und es verkaufte sich gut. Doch wie Gordon
Matta Clark, der ebenfalls in der Bronx gearbeitet hat, ging es auch
Rollins vor allem um utopische, soziale Aspekte. Der 1978 verstorbene
Konzeptkünstler war für ihn ein "verehrungswürdiges Genie. Er hat mich
wirklich sehr beeinflusst." So hatte Matta Clark etwa mit Food
ein kollektiv betriebenes Restaurant im damals völlig heruntergekommenen
SoHo eröffnet. Rollins eigene sozial engagierte Arbeit begann noch an der
School of Visual Arts, wo er mit anderen politisch engagierten Studenten
F383 gründete, aus der dann später das Kollektiv Group
Material hervorging.
Wie viele Künstlergruppen der siebziger
und achtziger Jahre gründete auch Group Material eine eigene Galerie. "Ich
stamme aus Maine", erzählt Rollins, "und wenn man dort eine Scheune
braucht, dann studiert man keine Abhandlungen zur Theorie und Praxis des
Scheunenbaus oder Essays wie ‚Die Scheune und das Andere’. Man baut seine
gottverdammte Scheune. Group Material stellte 1980 in einem Ladenlokal auf
der 13. Straße aus, in einer Gegend, in die sich kaum ein Weißer traute.
Keine unserer Arbeiten war je zu verkaufen."
 Tim
Rollins and K.O.S., A Midsummer
Night's Dream (after Shakespeare and Mendelssohn), 2007 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Privatsammlung. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
|
Tim Rollins and K.O.S., Frankenstein
(after Mary Shelley), 1984 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
Danach
arbeitete Rollins für das städtische Programm Learning to
Read Through the Arts und unterrichtete an der Intermediate School 52
in der South Bronx. Es waren schwierige Zeiten in New York und in der
South Bronx ging es besonders gewalttätig zu. "Ich lebte damals mit Kate
Pierson, der Sängerin der B52’s, zusammen. Sie meinte, ich wäre komplett
verrückt. Eine Gemeinschaft, eine Community aufzubauen ähnelt der Aufgabe
eines Chorleiters. Man muss die Leute organisieren, sie fangen nicht von
alleine an zu singen." Mit der Gründung der Kids of Survival fand Rollins
dann seine Lebensaufgabe.
K.O.S. füllte die
Lücke zwischen Performance Art, Installation, Graffiti und
Neo-Expressionismus. Vorstellungen von einer intellektuellen Revolution
und der Bildung durch Kunst hatten Rollins schon immer begeistert.
Vielleicht war es sein Job als Assistent von Kosuth, der die Ziele von
K.O.s. geprägt hat. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass sich ihm
dabei eine ganz neue Welt eröffnete – als er Arbeiten seines Lehrers bei Rauschenberg
oder Warhol ablieferte. Kosuth warnte
ihn zwar, mit ihnen abzuhängen, er machte es aber dennoch. "Ich nahm viele
Einladungen zu Parties an. Joseph habe ich davon allerdings nie erzählt."
Rollins bewegte sich in einer seltsamen Welt zwischen Kirche und
Kunstszene, Warhol und den B-52’s – er war eine Zeit lang sogar mit Kate
Pierson verheiratet.
 Tim
Rollins and K.O.S., Xmen '68 -
Red Raven, Red Raven!, 1991/92 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Private collection. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich
In
Tim Rollins vereinigen sich der Idealismus von Henry
David Thoreau, der demokratische Erziehungsansatz des Pädagogen John
Dewey und die ungezügelte Energie von Gustavo
Dudamel, der schon mit 26 Jahren die Los Angeles Philharmoniker
dirigiert hat. Dudamel verdankt die Entwicklung seines Talents El
Sistema - dem venezuelanischen Programm zur Förderung der
musikalischen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Wie bei K.O.S. geht
es auch diesem Sozialprojekt darum, Jugendlichen eine Alternative zu
Drogen und Verbrechen zu bieten. Obwohl K.O.S. mit einem Kern von nur
zwölf bis dreißig Mitgliedern auskommt, ist das Projekt überaus
erfolgreich. Nicht nur was den Kunstmarkt oder die Museen anbetrifft –
ihre Arbeiten finden sich in der Sammlung des New Yorker Museum
of Modern Art, der Londoner Tate
oder des Schaulager
in Basel. Einige K.O.S.-Mitglieder haben auch einen akademischen Abschluss
geschafft. Auch nach 26 Jahren steckt Tim Rollins voller Tatendrang.
 Tim
Rollins and K.O.S., The War of
the Worlds III (after H.G.Wells), 2007 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Privatsammlung. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
In
den nächsten Monaten steht ein Workshop zu Shakespeares Midsummer
Night’s Dream im Henry
Street Settlement, einem Gemeindezentrum in der Lower East Side, auf
dem Programm. Und neue Ausstellungen in der renommierten Lehmann
Maupin Gallery, dem Tang Museum
in Saratoga Springs sowie in Athen und Neapel werden davon künden, dass
gute Kunst nicht elitär sein muss.
 Tim
Rollins and K.O.S., Animal Farm
'07 (after George Orwell), 2007 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich
[1]
[2]
|