Aus der Bronx ins MoMa Tim Rollins und sein
Jugendprojekt K.O.S.
Edukative
Programme für Kinder und Jugendliche haben gerade Hochkonjunktur. So
fördert die Deutsche
Bank Stiftung ein Projekt,
das Schülern die kostenlose Begegnung mit der Kunst im Kölner Wallraf-Richartz-Museum
ermöglicht und auch das Deutsche
Guggenheim setzt seit Anfang an auf altersgerechte
Vermittlungsangebote. Zeit also für einen Blick zurück: Schon seit mehr
als 25 Jahren arbeitet Tim Rollins mit Schülern aus dem New Yorker South
Bronx zusammen. An einem der extremen gesellschaftlichen Brennpunkte der
USA bietet der Künstler und Pädagoge mit seinen Kollektiv Tim Rollins +
K.O.S. (Kids of Survival) den Jugendlichen eine Alternative zu Drogen und
Kriminalität. K.O.S. ist aber mehr als eines der üblichen Sozialprojekte –
denn Arbeiten der Gruppe haben es in renommierte Museen wie das MoMA oder
die Tate geschafft. Cheryl Kaplan hat Tim Rollins in seinem Atelier
in Chelsea getroffen.
 Tim
Rollins Foto courtesy Cheryl
Kaplan. Cheryl Kaplan, 2008. All
rights reserved.
Wie er so in seinem
hölzernen Schaukelstuhl sitzt, erinnert
Tim Rollins an einen Provinzprediger aus dem 19. Jahrhundert. Ein leichter
Südstaaten-Dialekt klingt durch wenn er spricht, was eigentlich
erstaunlich ist, wenn man weiß, dass er 1955 im ländlichen Teil Maines im
äußersten Nordosten der USA zur Welt kam. Gerade erst ist er wieder nach
New York zurückgekehrt. Im Laufe der letzten Woche war er in in Syracuse,
Kentucky und Harvard. In seinem Atelier sieht es wie Hölle aus: Berge von
Papier liegen herum, aus einem Koffer quellen Kleidungsstücke, auf einem
Haufen leerer Farbtuben liegt eine Tüte mit einem frisch gereinigten
weißen Hemd, ein Laptop ragt aus einem Plastikregal. Auf einem Foto sieht
man den jungen Künstler – damals waren seine Haare noch pechschwarz – mit
Chris Hernandez, einem der Originalmitglieder von K.O.S.
Er wurde am Valentinstag 1993 in der South Bronx erschossen.
 Atelier
von Tim Rollins and K.O.S Foto
courtesy Cheryl Kaplan. Cheryl Kaplan, 2008. All
rights reserved.
Nach 26 Jahren arbeitet
Rollins noch immer an den Grenzen zwischen Kunst, Bildung und sozialer
Rettungsaktion – genauso wie damals, als er in den frühen Achtzigern
K.O.S. ins Leben rief. Ein Gemeinschaftsprojekt mit künstlerisch
talentierten Kids aus der South Bronx, deren Leben von Armut und Gewalt
bestimmt war. Der Kern von K.O.S. – Kids of Survival, Kinder des
Überlebens – besteht aus einem Dutzend Mitgliedern, die in Workshops mit
Jugendlichen aus Schulen in ganz Amerika arbeiten. Oft dauert es Jahre,
bis die gemeinsamen Projekte beendet sind. "Mit unserem Gemälde The
Red Badge of Courage begannen wir 1992", erläutert Rollins, "es
basiert auf dem Bürgerkriegsroman von Stephen
Crane. Und gerade haben wir eine neue Version für unsere Ausstellung
in der Warehouse Gallery
in Syracuse erarbeitet. Crane hat dort die Universität besucht. Wir haben
in dieser Arbeit die Romanvorlage auch mit den Predigten von Martin
Luther King, Jr kombiniert."
 Tim
Rollins and K.O.S., The War of the Worlds (after H.G. Wells), 2004 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci / Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
Bei
Tim Rollins und K.O.S beginnt ein Projekt immer mit einer
Entdeckungsphase, in der sich die Teilnehmer Zeit für Recherchen und
konzeptionelle Planung nehmen. Dazu trifft sich die Gruppe oder
kommuniziert per E-Mail, Telefon oder Video-Konferenzen, schickt Material
mit Fed-Ex hin und her. Rollins tritt hierbei nie als Solo-Künstler in
Aktion oder drückt den Bildern seine persönliche Handschrift auf. Er
vergleicht sich eher mit einem Dirigenten – und K.O.S. ist sein Orchester.
Wenn dann die eigentlichen Workshops beginnen, tun sich Rollins und
langjährige Mitglieder von K.O.S. zusammen, um so genannte Master Classes
zu leiten, in denen über die Texte diskutiert wird, auf denen die
Kunstwerke basieren, um dann gemeinsam loszuarbeiten. Hierbei bildet der
Text nicht nur eine konzeptionelle, sondern ganz handfeste Grundlage.
Seiten aus den besprochenen Büchern werden herausgetrennt und mit
speziellem Kleber, den man sonst in bibliothekarischen Archiven verwendet,
auf die grundierte Leinwand geklebt.
Manchmal arbeiten K.O.S. auch
mit Musik. So bei einer Serie großformatiger Drucke zu Josef
Haydns Oratorium Die Schöpfung. Sie entstand in
Zusammenarbeit mit dem Kalamazoo
Institute of Arts in Michigan und dem gemeinnützigen Kunstzentrum Pyramid
Atlantic in Maryland, das sich auf handgeschöpfte Papiere, Drucke und
die Herstellung von Büchern spezialisiert hat, und ist derzeit in einer
Ausstellung an der Colgate University
in Hamilton, NY zu sehen.
 Tim
Rollins and K.O.S.: 25 Years,2007 Ausstellungsansicht
Galerie Eva Presenhuber Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
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Tim Rollins and K.O.S. in den späten
achtziger Jahren © Tim Rollins
and K.O.S.
Mit ihren Gemälden entwickeln
K.O.S. eine Vielfalt unterschiedlicher Stile – von der narrativen
Illustration bis zum abstrakten Neo-Geo-Look. Die Exponate der großen K.O.S.-Retrospektive
in der Züricher Galerie
Eva Presenhuber basierten auf so unterschiedlichen Vorlagen wie Shakespeare,
Franz Kafkas Amerika,
Lewis Carrolls Alice
in Wonderland oder Ralph
Ellisons The
Invisible Man. Wenn die Arbeiten einen ebenso belesenen wie ganz
und gar geerdeten Eindruck machen, liegt das an Rollins Lehransatz, der
den Kids einen Zugang zu diesen Klassikern ermöglicht. Er bringt sie dazu,
in der Auseinandersetzung mit den literarischen Vorlagen die grundlegenden
Themen und Motive aufzuspüren. So konzentrierten sie sich bei Kafka auf
die goldenen Trompeten, die im letzten Kapitel von Amerika eine wichtige
Rolle spielen. Auf dem Gemälde scheint dann eine ganze Armada dieser
Instrumente über das großformatige Bild zu marschieren. Und Alice lässt
K.O.S. durch eine schwarze Welt irren. Das Gemälde Black Alice
vermittelt den Eindruck von Entfremdung und Heimatlosigkeit und überträgt
dieses Gefühl "am falschen Ort zu sein", das Carrolls fantastische
Geschichte durchzieht, direkt auf die Leinwand.
 Tim
Rollins and K.O.S., Amerika -
Everyone is Welcome ! (after Kafka), 2002 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zurich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich.
Wenn
der Name K.O.S. irgendwie nach einer Band klingt, dann entspricht das dem
damaligen Zeitgeist. Nachdem er 1978 von Maine nach New York getrampt war,
zog Rollins ins legendäre Chelsea
Hotel – in dem auch Punk-Rock-Star Sid
Vicious und seine Freundin Nancy
Spungen oder Bands wie die New York
Dolls und die B-52’s
zuhause waren. "Unter der Woche war ich im Club CBGB’s
unterwegs und sonntags in Harlem", erzählt Rollins von seinen ersten
Jahren in New York. Das Chelsea Hotel war damals zwar nicht gerade der
sicherste Ort, aber dort traf sich die Szene. Rollins war in die Stadt
gekommen, um bei Joseph
Kosuth an der School of
Visual Arts zu studieren. Für den Anruf bei der Kunstschule gingen
seine letzten Münzen drauf. Der Konzeptkünstler nahm ihn in seine Klasse
auf und sollte bald sein Mentor werden. Kosuths Essay Art
After Philosophy hatte ihn stark beeindruckt – besonders mit
seinem "politischen Gehalt und dem demokratischen, offenen Ansatz. Viele
denken, die frühe Konzeptkunst wäre elitär und hätte das Publikum
ausgeschlossen. Ich sah das genau umgekehrt. Sie erlaubte es auch ohne
Leinwand und Farben künstlerisch aktiv zu werden. Kunst besteht aus
Ideen." Rollins erste Arbeiten wirkten dann auch wie eine Mischung aus Arte
Povera und Konzeptkunst.
 Tim
Rollins and K.O.S., aus der siebenteiligen Serie "A
Diary of a Young Girl (after Anne Frank)", 2007 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Privatsammlung. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel. Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich
Auch
sein religiöser Hintergrund hat Rollins Arbeit geprägt. Als Kind
verbrachte er die Sommer immer bei seiner Urgroßmutter. Sie gehörte zu der
sehr gemeinschaftlich geprägten Erweckungsbewegung mit ihren
hochemotionalen Gottesdiensten, bei denen die Gläubigen häufig in
exstatische Zustände geraten. "Wir gingen immer zusammen in das Zelt, in
dem die Gottesdienste und Heilungen stattfanden. Das war auf dem Land – in
der Nähe von Burnham. Mein Vater war ein Trinker, meine Mutter sehr
religiös. In Maine kam ich nur freitagnachmittags in der Kirche mit Kunst
in Berührung." Auch heute noch erreicht man Rollins in der Baptist
Memorial Church in Harlem, wo einen die Empfangsdame am Telefon mit
den Worten "Gelobt sei der Herr! Was kann ich für Sie tun?" begrüßt. Für
den Jungen aus Maine bot die Kunst auch den Ausweg aus schwierigen
Familienverhältnissen. "Mein Vater arbeitete als Näher bei der Northeast
Shoe Company. Als die Fabrik geschlossen wurde, lebten wir von
Sozialhilfe. In Main bedeutete das ein unglaubliches Stigma. Obwohl er
Alkoholiker war, hat mein Vater sein Leben einigermaßen im Griff gehabt.
Und er hat mich nie wirklich verletzt. Er hat die Familie zwar
vernachlässigt, war aber nicht gewalttätig. Vielleicht ein bisschen, wenn
er völlig dicht war. Ich habe ihm vergeben."
 Tim
Rollins and K.O.S., aus der
siebenteiligen Serie The Creation (after Haydn), 2004 ©Tim
Rollins and K.O.S.. Courtesy
Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Galleria
Raucci/Santamaria, Neapel Foto:
Stefan Altenburger Photography Zürich
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