In dieser Ausgabe:
>> Re-Reading the 80s
>> Tim Rollins & K.O.S.
>> Barbara Kruger
>> Interview Rainer Fetting

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Anselm Kiefer, le chef d’oevre inconnu, 1982,
Sammlung Deutsche Bank

Und auch in der Kunst werden die Achtziger deutlich präsenter: Nicht nur, dass Martin Kippenberger, Richard Prince oder Robert Gober mit gigantischen Retrospektiven geehrt werden. Maler wie George Condo oder Anselm Kiefer erzielen Höchstpreise, Jeff Koons feiert ein fulminantes Comeback auf dem Kunstmarkt, und Mike Kelley hat mit seiner jüngsten Installation Kandor international für Furore gesorgt. Zugleich zeigen junge US-Künstler wie Wade Guyton, Kelley Walker, Seth Price oder der Norweger Gardar Eide Einarsson, welchen Einfluss Prince, Cindy Sherman oder Barbara Kruger als Vertreter der "Appropriation-Generation" auf die heutige Szene haben. Unter dem Titel Generation Zeitgeist widmete auch das deutsche Kunstmagazin Art den Achtzigern eine Titelstory. Doch geht es wirklich um die Wiederentdeckung von "Neuen Wilden, Punk und Ironie", von "schicker, schriller Kunst"? Was ist heute wirklich noch relevant an den durchaus divergenten Positionen der Achtziger?



Elvira Bach, Weibliche stehende Figur, 1989,
Sammlung Deutsche Bank

Zunächst fällt auf, wie sehr sich die Verhältnisse ähneln. Das 21. Jahrhundert beginnt mit einer ungeheuren Erhitzung des Kunstmarktes, die zugleich die Debatte um die Rückkehr der Figuration in der jungen deutschen Malerei einschließt. Wie einst die Neuen Wilden werden die Vertreter der "Neuen Leipziger Schule" unter einem griffigen Schlagwort als nationales Phänomen lanciert und zugleich international vermarktet.


Salomé, Seerosenteich, 1982,
Sammlung Deutsche Bank

Und wie die Berliner Elvira Bach, Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé oder die Maler der Mülheimer Freiheit werden ein Vierteljahrhundert später auch Neo Rauch, Matthias Weischer oder Norbert Bisky mit einer Abkehr von unsinnlicher, konzeptionell orientierter Kunst in Zusammenhang gebracht. Diese strikte Polarisierung erscheint allerdings äußerst zweifelhaft. Denn sowohl die Jungen Wilden als auch die neuen deutschen Malerstars des wiedervereinten Deutschlands arbeiten mit den Mitteln der Aneignung und Neukombination, mit appropriierten malerischen Gesten und medialen Images. So konfrontiert Neo Rauch in seinen frühen Gemälden die Bildsprache sozialistischer und totalitärer Propaganda mit Motiven amerikanischer Popkultur und romantischer Landschaftsmalerei und hält die Nachwendezeit als Zustand gesellschaftlicher Lähmung fest.



Neo Rauch, Stereo, 2001,
Sammlung Deutsche Bank,
Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig, Berlin

Zwanzig Jahre zuvor nutzten die "heftigen Maler" das visuelle Vokabular des deutschen Expressionismus, der "primitiven" Kunst, von Art Brut und Outsider Art. Dabei ging es Peter Bömmels, Walter Dahn oder Jiri Georg Dokoupil, den Protagonisten der Mülheimer Freiheit, nur vordergründig um die Subjektivierung der Malerei oder "persönlichen" Ausdruck. Im Gegenteil, es handelte sich vielmehr um einen rebellischen Akt der Piraterie und die Torpedierung eines authentischen Individualstils. "Kontinuitäten in meinen Arbeiten interessieren mich nicht", betonte Dokoupil 1981. "Mich interessiert eine Arbeit in Brüchen und Widersprüchen."


Walter Dahn, Ohne Titel, 1983,
Sammlung Deutsche Bank

Es ging also nicht um die Fortführung, sondern die Sabotage des Projektes der Moderne – ganz im Sinne postmodernen Denkens, das am Ende der "großen Erzählung" angekommen ist, und sich nur in der Rekombination vorhandener Bilder und Ideen niederschlagen kann. Das Recycling expressiver Malerei war für die Künstler der frühen Achtziger eine subversive Geste, die die Möglichkeiten "authentischen" Ausdrucks in einer zunehmend von Technologie und Medialisierung geprägten Gesellschaft in Frage stellt. Zur subversiven Haltung des Punk hatte schon immer die Ablehnung des Authentischen gehört, die zynische Idee, dass es sich um eine mediale Selbstinszenierung handelte – um einen "Great Rock 'n' Roll Swindle", eine Rebellion, die sich im kommerziellen Ausverkauf selbst negiert.



Jiri Georg Dokoupil, Ohne Titel, 1982,
Sammlung Deutsche Bank

Nie zuvor war die Verbindung zwischen Musik- und Kunstszene so symbiotisch wie Anfang der Achtziger. Die "Diskurse" zur jungen Kunst wurden nicht in Akademien, sondern vor allem in Szenebars und Clubs geführt. Dazu gehörten etwa der Ratinger Hof in Düsseldorf, das Blue Shell in Köln, das legendäre, von Martin Kippenberger begründete SO36 oder Institutionen wie der Dschungel in Berlin. Wie prägend die Punkkultur war, erinnert sich auch der Künstler Marc Brandenburg: "Das ging weit über den Look hinaus. Es war das erste Mal, dass ein Begriff für eine völlig unterschiedlich zusammengesetzte Gruppe von Menschen gefunden wurde – für Schwarze und Weiße, Männer und Frauen, Schwule, Lesben und Heteros, die nur ein einziger Aspekt verband: der radikale Anspruch Individualist zu sein. Davor waren sämtliche Jugendbewegungen von weißen, heterosexuellen Männern beherrscht."



Plattencover der Band Geile Tiere

Das Berlin der frühen Achtziger spielte mit sexueller und politischer Ambivalenz und der Dekadenz der Weimarer Republik. Während sich Mädchen den Nacken ausrasierten, in Uniform und Reiterstiefeln ausgingen, Jungs sich mit Kajal die Augen nachzogen und die Nägel schwarz lackierten, gaben sich die "Moritzboys" durch und durch androgyn. Mit ihrer Band Geile Tiere inszenierten sich Salomé und Luciano Castelli als martialische Versionen des Conferenciers aus Cabaret: in Strapsen, Lederhosen und Stöckelschuhen, die Augen mit schwarzen Balken umrandet, den halbnackten Körper mit aufgeschminkten Peitschenstriemen übersät, lieferten sie legendäre Performances, auf denen sie ihren Hit "Alle sind wir geile Tiere" hinausbrüllten.


Salomé, Selbst, 1975,
Sammlung Deutsche Bank

Unterhaltung war in den frühen Achtzigern zwischen Schmerz und Lust angesiedelt. "Hör mit Schmerzen" – so brachte es ein Lied der Einstürzenden Neubauten auf den Punkt. Gemeinsam mit den Neubauten bestritten Bands wie Die Tödliche Doris oder Sprung aus den Wolken 1981 im Berliner Tempodrom "Die große Untergangsshow – Festival Genialer Dilletanten". Die gegenüber dem Duden "unrichtige" Schreibweise des Wortes "Dilettanten" war ursprünglich ein Schreibfehler auf dem Flyer und sollte durch den gleichnamigen, im Merve Verlag von Wolfgang Müller herausgegebenen Band zum Synonym für eine Berliner Szene werden, in der die "Do it Yourself"-Attitüde des Punk zu einer einmaligen Verschmelzung zwischen Musik, Performance und bildender Kunst führte.



Konzert von Die Tödliche Doris, Anfang der achtziger Jahre
Foto © Eva Maria Ocherbauer

Ironisch distanziert flirtete man mit der Ästhetik des Nationalsozialismus und verwies damit provokant auf die Wunden, die das Dritte Reich geschlagen hatte. Und die prägten damals noch das Bild der geteilten Stadt. Die verödeten Flächen um Anhalter Bahnhof und Potsdamer Platz, die von Granatsplittern gemaserten Fassaden ganzer Straßenzüge, die verlassenen Botschaften am Tiergarten fanden ihre Entsprechung in einem Look, der die Vergangenheit zitierte und im Zusammentreffen mit Wave-Elementen neu-alte Stereotypen produzierte: den Proletarier, den Soldaten, den Dandy, den Transvestiten, die Femme Fatal, den HJ-Pimpf.


Claudia Skoda-Produktion:
Entwurf von Rainer Fetting, Pullover "Der Kuss", um 1980,
aus der Serie Masterpieces
©Claudia Skoda

Berlins Image wurde von unterschiedlichen Protagonisten wie etwa Martin Kippenberger, der Designerin Claudia Skoda, der Regisseurin Ulrike Ottinger oder der Stil-Ikone Tabea Blumenschein bestimmt, wobei die Maler vom Moritzplatz nur eine Facette der vielfältigen Szene ausmachten. In ihrer Gesamtheit jedoch verkörperte sie im Ausland das Bild der Frontstadt – eines kreativen Labors, das gerade durch sein Inseldasein avantgardistische Impulse gab.



Rainer Fetting, Yellow Cab, 1991,
Sammlung Deutsche Bank

Besonders in New York traf diese Vitalität auf starke Resonanz, denn beide Städte waren sich damals auf gewisse Weise ähnlich. "New York war ein furchteinflößender und legendärer Ort", erinnert sich der Sänger der Talking Heads, David Byrne in dem Fotoband New York Noise. "Downtown wirkte wie ein lebendiges Museum der Bohème, was für angehende Künstler und Musiker absolut faszinierend war. Alles war neu und aufregend und unglaublich funky, Dreck und Armut waren überall."


Flyer des Clubs Danceteria, 1983

Wie auch in Berlin hatte der wirtschaftliche Niedergang Feiräume für eine neue Generation geschaffen: "Damals gab es ein stärkeres Cross-Over zwischen den verschiedenen Medien", erklärt Cindy Sherman. "Die Leute experimentierten mit den unterschiedlichsten Kunstformen, spielten in Bands, machten Filme oder traten als Stand-Up-Comedians auf. Vielleicht lag es daran, dass es kaum Vorläufer gab, die es geschafft hatten, damit das große Geld zu machen. Deshalb herrschte viel weniger Druck. Du hattest die Freiheit alles auszuprobieren." Wie auch in Berlin bestimmten in der amerikanischen Metropole ganz unterschiedliche Strömungen das Bild.



Cindy Sherman, Untitled,
aus "Für Joseph Beuys", 1986
Sammlung Deutsche Bankl


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