Am Ende der Subkultur: Eine Exkursion in die Achtziger
Ein
Jahrzehnt wird wiederentdeckt: Nicht nur in der Werbung und Musik sind die
achtziger Jahre erneut präsent. Auch in der Kunst feiern die Heroen dieser
Dekade neue Erfolge, während eine junge Generation die Strategien und
Stile der Eighties aufgreift. Doch was macht diese Zeit so interessant? Achim
Drucks und Oliver Koerner von Gustorf stellen Künstler und
Werke aus der Sammlung Deutsche Bank vor und begeben sich auf eine
Zeitreise.
 Blixa
Bargeld, Konzert der Einstürzenden Neubauten im
Programm der documenta 7, 1982 Foto
Achim Drucks
Irgendwann zwischen Ende der
Siebziger und den frühen Achtzigern brach in westlichen Metropolen jener
Aufstand los, der sich bereits mit dem Punk angekündigt hatte. Von einer
politischen Bewegung konnte man nicht sprechen. Eher von etwas, das die
Durchschlagkraft der 68-Revolten hatte, sich aber gerade gegen eine
bürgerlich gewordene Alt-Linke richtete: gegen Hippietum, kollektive
Glücksversprechen, ideologische Dogmen. In der Ära von Thatcher,
Reagan und Kohl
befreite sich eine ganze Generation von dem Glauben an eine abgesicherte
Zukunft und begann ganz einfach das zu tun, was sie immer tun wollte. In
Berlin und New York griffen junge Menschen zu Packpapier, Dispersionsfarbe
und Super 8-Kamera, schnappten sich Instrumente oder bauten sich welche,
nähten Nessel und PVC zusammen, um für kürzere oder längere Zeit
"Filmemacher", "Musiker", "Modeschöpfer", "Designer" oder "Künstler" zu
werden.
 Nan
Goldin, April in the window, N.Y.C., 1983 Sammlung
Deutsche Bank
 Claudia
Skoda, Modenschau Trommelfeuer, 1986
Dieses
Bekenntnis zum "Do it Yourself" erschöpfte sich nicht in individuelle
Kreativität, sondern war untrennbar mit der Eroberung des urbanen Raumes
verbunden. Die achtziger Jahre begannen als Epoche der Hausbesetzungen,
mit der Forderung nach Freiräumen für alternatives Leben. "Es herrscht
Krieg in den Städten und das ist gut so...", äußerte Blixa
Bargeld, Frontmann der Band Einstürzende
Neubauten 1981 in Anspielung auf die Straßenschlachten zwischen
Besetzern und Polizei, die in der Frontstadt Berlin bürgerkriegsartige
Ausmaße annahmen: "Bis zum Kollaps ist nicht mehr viel Zeit (…) Für mich
ist jetzt Untergangszeit, die Endzeit, endgültig. Das läuft noch drei oder
vier Jahre, dann ist es vorbei. Da gibt's bei mir nix. Untergang ist
Untergang."
 FM
Einheit alias Mufti, Konzert der
Einstürzenden Neubauten im Programm der documenta 7, 1982 Foto
Achim Drucks
Heute erscheint Bargelds Vision
in ihrer Kompromisslosigkeit wie eine romantisch verklärte Botschaft aus
einem anderen Universum. Der Einmarsch in Afghanistan, der erste Krieg am
Golf, der Kampf gegen die Atomkraft: Anfang der Achtziger führte die
Vorstellung einer nahenden Apokalypse, etwa durch Hochrüstung und
Reaktorunfälle zu einem ungestümen Lebensgefühl, das von Beschleunigung,
Intensität und ironischer Ambivalenz gekennzeichnet war. "Heute denken,
morgen fertig" lautete einer der programmatischen Bildtitel von Martin
Kippenberger.
 Walter
Dahn, Alptraum, 1984 Sammlung
Deutsche Bank
Und auch die Kunst jener Zeit
war so schnell, wie die Musik, die man hörte: "Alles war schnell, sehr
schnell", bemerkte der Kölner Künstler Walter
Dahn 1994 in einem Gespräch
mit Richard
Prince: "Ich erinnere mich, dass ich in einer Nacht mit Georg
[Dokoupil] zwanzig Gemälde gemacht habe, und das war's. Wir hatten ein
ausgeprägtes Gefühl für Zeit, Rhythmus, Geschwindigkeit. Wir waren zwar
keine Punkmaler, aber die ganze Zeit liefen diese Platten, die uns
stimulierten und schneller werden ließen."
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Helmut Middendorf, Umarmung der Nacht,
1983, Sammlung Deutsche Bank
Die
Vorstellung, dass nur jetzt alles möglich ist, ließ in Kreuzberg, Brixton
oder der Lower East Side alternative Zentren mit Clubs, Plattenläden,
Off-Galerien, Proberäumen und Ateliers entstehen. Mit Lichtgeschwindigkeit
eröffneten sie, schlossen wieder oder wechselten den Standort. Unter dem
Druck zerbröselnder Sozialsysteme und neokonservativer Regierungen
erblühten jedoch nicht nur Subkulturen und alternative Ideen, sondern auch
ein hedonistischer, exzessiver Lebensstil, der die Massenkultur erfasste.
 Grace
Jones feiert ihre Geburtstagsparty im New Yorker Club Le Farfalle, vorne
links: Underground-Ikone Divine Foto:
Ron Galella/WireImage, © Getty Images
Der
Begriff der "Nachhaltigkeit" war noch völlig unbekannt. Die "Last Days of
Disco" brachen an, die Spezies der Yuppies wurde an der Wall Street
geboren, man feierte, verdiente Geld und verschwendete es, inszenierte
sich. Doch der große Knall blieb aus. Die kommenden Jahrzehnte führten zu
einer ernüchternden, auf schreckliche Weise banalen Erkenntnis: dass man
sich an den Gedanken einer Apokalypse gewöhnen kann, dass der Kollaps Teil
unseres Alltags geworden ist.
 Die
Berliner Band Mona Mur Anfang der Achtziger Foto
© Eva Maria Ocherbauer
Terror-Angst, die
Kriege im Nahen Osten, Klimakatastrophen, Vogelgrippe, schmutzige Bomben,
AIDS: In einer globalisierten, unberechenbar gewordenen Welt haben sich
nicht nur die Zukunftsperspektiven sondern auch die Untergangsszenarien
multipliziert. Ein Vierteljahrhundert später sehnt man sich nach einer
Zeit, in der die Bedrohungen zwar vehement, aber überschaubarer schienen,
in der die durch die Mauer getrennten Machtblöcke in Ost und West noch
klare Fronten bildeten. Seit Beginn des neuen Jahrtausends entdeckt die
Popkultur die Eighties wieder – als "Eye Candy", ästhetisches
Spielmaterial mit Retro-Appeal, das etwa so brisant ist wie der
Irokesenschnitt von David
Beckham.
 Die
Band Sprung aus den Wolken vor
der Berliner Mauer Anfang der Achtziger Foto
© Eva Maria Ocherbauer
Ob man nun durch
die Straßen von Brooklyns Trend-Viertel Williamsburg, des Londoner
East-Ends oder von Berlin Mitte streift – der Hang zu Neonfarben,
asymetrischen Haarschnitten, Leggings und schmalen Krawatten ist
unübersehbar. Hochglanzmagazine adaptieren den rohen Stil kopierter
Fanzines. Längst haben Bands wie Franz
Ferdinand oder Zoot Woman
die Charts mit kantigem Post-Punksound und Elektropop-Reminiszenzen
gestürmt, gefolgt von Gruppen, die klingen wie Gang
of Four oder die Talking
Heads. Zugleich beschwören Terry
Richardsons Kampagnen für Tom
Ford die High-Times von Halston,
die Exzesse des späten Studio
54 und frühe Wave-Ästhetik. American
Apparel lässt Rollergirls und Aerobic-Mode wiederauferstehen.
 Peter
Bömmels, Ohne Titel, 1983, Sammlung
Deutsche Bank
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