Die Leere in unserem Inneren Zu den Skulpturen Anish
Kapoors
Nicht nur mit zahlreichen Papierarbeiten ist
Anish Kapoor in der Sammlung
Deutsche Bank vertreten. In der Lobby der Deutsche Bank Zentrale in
London begegnen die Besucher einer seiner bedeutendsten Skulpturen: dem
silbern glänzenden Turning the World Upside Down, einer
gigantischen, ausgehöhlten Kugel, in der sich der Raum reflektiert. Diesen
Herbst wird der britisch-indische Künstler eine Auftragsarbeit für das
Deutsche Guggenheim realisieren. Aus diesem Anlass ist ihm auch die
VIP-Lounge der Deutschen Bank auf der diesjährigen Art Cologne gewidmet. Alistair
Hicks über Kapoors Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung der inneren
und äußeren Welt.
 Anish
Kapoor, Cloud Gate, Millenium Park, Chicago, 2004, Courtesy
Lisson Gallery, London
Wo befindet sich
eigentlich das Loch in der "Bohne", wie Anish
Kapoors Skulptur Cloud
Gate (1999-2006) in Chicago genannt wird? Ist es etwa die Wölbung
dieses 110 Tonnen schweren Objekts, unter der sich die Besucher des Millennium
Parks gerne treffen? Oder hat sich das Loch in dieser fast flüssig
erscheinenden Skulptur bereits wieder geschlossen? Die spiegelnde
Oberfläche dieser Arbeit ist jedenfalls so glatt, dass hier keine
verborgenen Räume zu finden sind: Kein Weg führt in einen Hohlraum im
Inneren. Und doch sind Voids,
Leerstellen, eines von Kapoors zentralen Themen.
 Anish
Kapoor, Cloud Gate, 2004, Millenium Park, Chicago, Courtesy
Lisson Gallery, London
Turning
the World Upside Down III lautet der Titel
der ersten seiner sphärischen Edelstahl-Skulpturen. Seit 1999 ist sie in
der Lobby der Londoner Deutsche
Bank Zentrale installiert: ein einziges großes Loch und zugleich ein
doppelseitiger Spiegel. Die konkaven Reflexionen im Inneren der
ausgehöhlten Kugel stellen die Welt buchstäblich auf den Kopf, während uns
die konvexen Oberflächen der Skulptur mit einem Raum konfrontieren, der
sich ins Unendliche fortzusetzen scheint.
 Anish
Kapoor, Turning the World Upside Down III, 1996, Winchester
House, London, Sammlung Deutsche
Bank
Nicht nur dieser im wahrsten Sinne des
Wortes allumfassende Ansatz Kapoors macht ihn angreifbar. Auch seine
ebenso cleveren wie etwas verschwommenen Äußerungen zu seinem Werk
handelten ihm bei einigen Kritikern den Vorwurf ein, er sei zu abstrakt,
bewege sich im Ungefähren. "Es ist gerade die Mehrdeutigkeit, die mich
interessiert", bemerkte er vor kurzem in einem Interview mit der Financial
Times. Und gerade diese Ambivalenz ist vital in dem Werk eines
Künstlers, dem es nicht um Hohlräume oder Löcher in seinen Skulpturen
geht, sondern um die Leere in uns, den Betrachtern.
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Anish Kapoor, aus der Serie "Wounds and
absent Objects", 1998, Sammlung
Deutsche Bank
Kapoors Skulpturen laden zur
Kontemplation ein. Sie fordern den Betrachter auf eine beinahe höfliche
Weise auf, über sie nachzudenken. Bei seiner neuen Auftragsarbeit für das Deutsche
Guggenheim, die vom 30. Oktober 2008 bis zum 25. Januar 2009 in Berlin
zu sehen ist, könnte diese Aufforderung allerdings etwas nachdrücklicher
ausfallen. Denn dieses gigantische Werk muss sich der Betrachter
tatsächlich erarbeiten. Es wird für ihn nicht möglich sein, die riesige,
eiförmige Struktur mit ihrer an rostiges Eisen erinnernden Oberfläche aus
einer einzigen Perspektive komplett zu erfassen. Das Bild dieser
raumfüllenden Stahlskulptur muss er sich in seiner Vorstellung selbst
zusammensetzen. Das machen wir natürlich ohnehin. Bereits mit seinen
frühesten Werken hat Kapoor diesen Prozess erforscht und anschaulich
gemacht. Aber jetzt, nachdem er sich jahrelang mit dem Thema der Leere
beschäftigt hat, wird dies deutlicher als je zuvor.
 Anish
Kapoor, Yellow, 1999, Installationsansicht
Haus der Kunst, München ©
Jens Weber, München
Als ich Anfang des
Jahres im Münchner Haus der
Kunst zum ersten Mal mit seiner Arbeit Yellow (1999)
konfrontiert wurde, blieb ich erst einmal mit offenem Mund stehen. Die
strahlende gelbe, überdimensionale Einbuchtung in der Wand wirkt ebenso
unmittelbar wie überwältigend. In ihrer kreisrunden, schlichten Form ruft
sie Erinnerungen an urtümliche Kultstätten hervor und lässt an primitive
Anbetung denken. Obwohl Turning the World Upside Down gut drei
Jahre vor Yellow entstand, ist die Annäherung an diese Arbeit
schwieriger und vielschichtiger: Es ist schier unmöglich unser
verkleinertes Spiegelbild im Inneren der Kugel und die Reflektionen der
Umgebung auf der äußeren Oberfläche gleichzeitig wahrzunehmen. Wir können
innere und äußere Spiegelungen nicht miteinander in Einklang bringen. Doch
genau auf dem Einklang von Mikro- und Makrokosmos beruht das Verständnis
dieser Arbeit.
Es erfordert ähnliche Fähigkeiten, Kapoors Svayambh
(2007) zu erfassen. Doch hier gilt es andere, scheinbar widersprüchliche
Kräfte mit einander zu verbinden: konzeptionelles, analytisches Denken und
Emotion. Ein riesiger roter Block aus Vaseline, Farbe und Wachs bewegt
sich auf Schienen langsam durch den Raum und quetscht sich durch zwei
Türen, die eigentlich zu schmal für ihn sind. Hinter sich lässt er blutige
Schlieren und Schleifspuren. Svayambh wurde für zwei verschiedene
Museen konzipiert. Ich sah sie im Haus der Kunst, einem Bau, der ganz eng
mit der Geschichte des Nationalsozialismus verknüpft ist – was mich
unwillkürlich an Konzentrationslager und den Holocaust denken ließ.
 Anish
Kapoor, Svayambh, 2007, Installationsansicht
Haus der Kunst, München ©
Jens Weber, München
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